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Barbaras Gang

Barbaras Gang

Nadja betrachte ein Foto ihrer geliebten und von vielen verehrten Plababka1. Auf diesem war auch Fjordor zu sehen, Nadjas Großvater, der damals noch ein Kind war. Die Luft in dem kleinen Raum roch muffig. Nadja musste daran denken, dass die alte Frau vor ihr auf dem schmalen Krankenbett dank ihres mutigen Handelns sehr viele vor der großen Katastrophe gerettet hatte. Ein kurzer Seufzer riss Nadja aus ihren Gedanken, und sie sah, dass ihre Urgroßmutter wach war.
„Über was denkst du gerade nach, Nadeschda2?“, fragte sie mit brüchiger Stimme.
„Ich träume nur ein bisschen vor mich hin“, antwortete Nadja ausweichend.
„Viele halten Träume für gefährlich, vor allem wenn man jeden Tag ums Überleben kämpfen muss. Aber ohne den Traum von einer sicheren Zuflucht, wären wir jetzt nicht hier“, erwiderte ihre Urgroßmutter.
Nadja war verblüfft, dass ihre Urgroßmutter in ihrer Gegenwart diesen Teil ihrer Vergangenheit erwähnte. Bisher war dies noch nie geschehen und sie kannte nur die Erzählungen der anderen, denen bereits der Hauch von Legenden und Sagen inne wohnte. Ein sanftes Lächeln erschien auf dem faltigen Gesicht der alten Frau.
„Wenn du willst, erzähle ich dir von dieser Zeit“, bot ihre Urgroßmutter an.
„Sehr gerne“, erwiderte Nadja schnell und aus ihrer Stimme konnte man deutlich die Neugier hören.

Sie waren wegen der Kälte gekommen. Wegen der Kälte, der Arbeitslosigkeit und dem Hunger. Seit die Temperaturen Jahr für Jahr immer um ein paar Grad gesunken waren, konnten immer weniger in ihrer alten Heimat überleben. Es gab dort kaum mehr Nahrungs- und Heizmittel und so hatte sich Barbara entschieden, der Einladung ihres Schwagers zu folgen. Sie war mit ihren drei Kindern, Fjordor, Olga und Vasiljev, an die westafrikanische Küste geflogen.
Viele russische Arbeiterfamilien waren in diese Gegend geflüchtet, um den mörderischen Winterstürmen in ihrer Heimat zu entkommen. Viele reiche Europäer hatten sich in der Nähe des Äquators eingekauft. Die russischen Medien berichteten von Auseinandersetzungen mit den Einheimischen und Besetzung von ganzen Ländern.

„Aber wie ist es denn überhaupt zu der großen Kälte gekommen?“, unterbrach Nadja die Erzählung.
„In den russischen Medien kamen Berichte, in denen die Schuld einigen westlichen Wissenschaftlern gegeben wurde, die versucht hatten, Herr über das Klima zu werden. Gentechnisch gezüchtete Einzeller sollten die globale Erwärmung aufhalten, indem sie einen Teil des Kohlendioxids in der Atmosphäre binden“, erklärte ihr Urgroßmutter.
„Was für eine globale Erwärmung? Ich dachte, es wurde immer kälter“, warf Nadja irritiert ein.
„Dies ist das Irrwitzige an der ganzen Katastrophe. Die Menschheit hatte bereits vorher durch Umweltverschmutzung dafür gesorgt, dass sich zuviel Kohlendioxid in der Atmosphäre ansammelte. Die Temperaturen auf der Erde stiegen dadurch langsam, aber unaufhaltsam an. Man nannte es den Treibhauseffekt. Die Polkappen schmolzen ab, der Meeresspiegel stieg an und als mehre Städte in Europa überschwemmt wurden, musste die Regierung des vereinigten Europa schnell handeln.“
Nadja wusste zwar nicht, was Polkappen waren und von einem vereinigten Europa hatte sie auch noch nicht gehört, aber sie wollte die Erzählung nicht schon wieder unterbrechen.
„Bereits beim ersten Feldversuch mit diesen Einzellern kam es zu einem folgenschweren Unfall“, fuhr ihre Urgroßmutter fort. „Die Wissenschaftler hatten nicht damit gerechnet, dass die Einzeller in der Atmosphäre überleben und sich auch noch schnell vermehren würden. Das Kohlendioxid, das wie eine wärmende Decke für die Erde war, wurde größtenteils gebunden und fiel als Regen auf die Erde. Der Treibhauseffekt wurde umgekehrt und es wurde mit den Jahren immer kälter“, schloss ihre Urgroßmutter die Erklärung.
Nadja verstand zwar bei weitem nicht alles, was ihre Urgroßmutter ihr gerade erzählt hatte. Aber sie hatte verstanden, dass die Menschen selbst für die Katastrophe verantwortlich waren.
„Erzähle bitte weiter, Plababka“, forderte sie die alte Frau auf.

„Wen haben wir denn da?“, fragte Barbaras Schwager Petrov.
Gleich darauf schossen die Kinder auf ihren Onkel zu und umarmten ihn herzlich. Petrov stand am Flughafen von Tan-Tan hinter der Einreisekontrolle. Diese war provisorisch auf dem Rollfeld untergebracht. Dort patrouillierten schwer bewaffnete Soldaten, um die illegal Einreisenden abzufangen.
„Wie habt ihr es nur geschafft, ohne mich so groß zu werden?“, neckte Petrov die Kinder. Als er aufschaute, nahm er schließlich auch von Barbara Notiz.
„Dobroe utro3, Barbara“, sagte er in einem weniger erfreuten Tonfall.
Sein Bruder Dimitri, Barbaras Ehemann, war schon seit drei Jahren tot. Einzig ihr Schwager hatte ihr danach geholfen, die Kinder zu ernähren. Dann war er auf der Suche nach Arbeit in Westafrika gelandet und hatte nach einigen Wochen sogar das Kunststück fertig gebracht, eines, der inzwischen schwer erhältlichen Einreisevisa für die neu gegründete Republik Westafrika für Barbara und ihre Kinder zu organisieren. Wie er das geschafft hatte, wusste Barbara nicht, aber sie war ihm dafür sehr dankbar. Das er dies hauptsächlich für die Kinder getan hatte, war Barbara klar. Doch sie nahm es ihm nicht übel.
„Auch dir einen schönen Tag, Petrov, und möge dich Gott für deine Güte und Großzügigkeit belohnen“, erwiderte Barbara mit freundlichem Lächeln.

„Wie kam es dazu, dass dich die Leute heute so verehren“, unterbrach Nadja ihre Urgroßmutter.
„Aus dir spricht die ungestüme Jugend, meine Kleine“, erwiderte ihre Urgroßmutter, wobei das letzte Wort durch einen Hustenanfall schwer verständlich war.
„Aber du hast Recht. Unsere Zeit ist begrenzt. Deswegen werde ich mich kürzer fassen“, keuchte sie.
Nadja spürte einen Stich, als sie die Schwäche in den Augen ihrer Urgroßmutter sah. Sie versuchte ihre Betroffenheit zu verbergen und beugte sich noch näher an ihre Urgroßmutter heran, damit sie ihre leisen Worte besser verstehen konnte.

Fünf Monate nach ihrer Ankunft hatten sie es sich so gut es ging in der Arbeitersiedlung eingerichtet. Die Siedlung, die bereits die Ausmaße einer Stadt angenommen hatte, bestand hauptsächlich aus Wellblechhütten, die für die Arbeiter der Firma Stawastov eilig errichtet wurden, nachdem in der Nähe neue Eisenerzminen entdeckt worden waren. Barbaras Kinder wurden in einer kleinen, firmeneigenen Mischung aus Schule und Kindertagesstätte betreut. So hatte sie Zeit, der Firma den Vorschuss in Form des Einreisevisums zurück zu zahlen, in dem als Fremdsprachensekretärin arbeitete. Sie hatte es recht schnell geschafft, sich in die Managementetage hoch zu arbeiten. Ihr Chef meinte, dass dies durch ihre ehrliche Ausstrahlung unausweichlich gewesen wäre, aber Barbara glaubte eher, dass er scharf auf sie war.

Es war schon spät. Barbara saß immer noch in dem kleinen Vorzimmer ihres Chefs, Lukasch Borissowitsch Burazyk.
„Barbara, kommen sie doch bitte mal in mein Büro“, meldete sich ihr Chef über die Kommunikationseinheit und Barbara seufzte leise. Ihr Feierabend würde sich wohl noch weiter nach hinten verschieben.
„Ich komme sofort“, antwortete sie ihrem Chef. Sie strich das einfache Kleid glatt, ergriff den kleinen PDA und ging in das Büro nebenan.
Burazyk lag lässig in seinem Bürostuhl und schenkte Barbara beim Eintreten sein charismatisches Lächeln, das ihm seinen Aufstieg in der Firma erleichtert hatte. Er winkte ihr näher zu kommen und griff dann in die große Schublade seines Schreibtischs. Zu Barbaras Überraschung holte er daraus eine Flasche Krimsekt hervor.
„Heute feiern wir, meine Liebe“, sagte Burazyk.
Er stellte die Flasche auf seinem Schreibtisch ab und holte zwei Gläser aus einer anderen Schublade.
„Was gibt es denn zu feiern, Herr Burazyk“, fragte Barbara und kam nur zögerlich näher.
„Ich habe heute eine Nachricht erhalten, die mir meine Zukunft sichert. Eine Art Beförderung, wenn sie so wollen“, erklärte ihr Burazyk.
Barbara erkannte an seiner schleppenden Sprechweise, dass er mit dem Feiern wohl schon ohne sie begonnen hatte. Sie beschloss vorsichtig zu sein. Allerdings traute sie sich nicht, das Angebot einfach so abzulehnen, denn sie wollte ihren Arbeitsplatz nicht gefährden.
Burazyk ergriff die Flasche und kurz darauf knallte der Korken gegen die Decke seines Büros.
„Ein sehr guter Tropfen und vielleicht der letzte Krimsekt, den man kaufen kann“, erklärte er und goss die beiden Gläser voll.
„Lassen sie uns anstoßen, Barbara. Auf eine gesicherte Zukunft!“, donnerte Burazyk und erhob sein Glas.
Barbara stieß mit ihm am, während sie überlegte, was für eine Beförderung der alte Sack erhalten hatte. Da bemerkte sie, dass in Burazyks Computer ein schwarzer Chip mit roten Streifen steckte. Sie wusste, dass die auf diesem Typ gespeicherten Dateien nur dann geöffnet werden konnten, wenn die digitale Kennung des jeweiligen Computers auch im Chip gespeichert war. War dies nicht der Fall, löschte der Chip die gespeicherten Dateien automatisch. Barbara fragte sich, was denn in dieser Firma so geheim gehalten werden musste, dass es auf solchen Chips gespeichert wurde.
„Kommen sie doch näher, Barbara. Seien sie nicht so schüchtern“, sagte Burazyk und zeigte auf den Stuhl neben sich. „Wir können es uns ruhig ein bisschen gemütlich machen.“
Barbara war sich sicher, dass sie kein Interesse daran hatte, mit Burazyk auf Tuchfühlung zu gehen. Aber ihre Neugier überwog die Abscheu, denn sie sah aus den Augenwinkeln, dass auf dem Bildschirm gerade eine Textdatei abgebildet war, die durchaus von dem Chip stammen konnte. Deshalb setzte sie sich auf den Stuhl neben ihren Chef. Er roch nach Schweiß, aber Barbara machte gute Miene zum bösen Spiel. Sie trank einen Schluck Sekt aus ihrem Glas, um wie durch Zufall in die Richtung des Computermonitors schauen zu können.
Die Schrift war klein, aber sie konnte eine Zeile erkennen, in der etwas von einer Aufenthaltsberechtigung für Stawatycze stand. Sie konzentrierte sich so auf den Text, dass sie nicht bemerkte, wie sich die Hand von Burazyk in Richtung ihrer übereinander geschlagenen Beine bewegte. Barbara zuckte zusammen, als die feuchte Hand ihr Bein berührte und stieß so versehentlich die Sektflasche auf dem Schreibtisch um. Sofort ergoss sich der Sekt auf das flache Gehäuse des Computers. Gerade als Burazyk einen unartikulierten Laut der Überraschung ausstieß, ertönte aus Richtung des Computers ein kurzes Zischen und Knacken. Das Licht in dem Büro erlosch zusammen mit dem Computermonitor.
Barbara war kurz vor Schreck gelähmt. Dann kam ihr eine aberwitzige Idee und sie tastete im Dunkeln nach dem Chipkartenleser des Computers.
„Tut mir wirklich sehr leid, Herr Burazyk, aber sie haben mich so erschreckt“, sagte sie in Richtung ihres Chefs, der inzwischen laut fluchte.
Da berührte Barbaras Hand das Ziel ihrer Suche und schnell zog sie den Chip ab. Sie steckte ihn in eine Tasche ihres Kleids und stand auf. Während sie sich zur Tür tastete, rief sie ihrem Chef zu: „Entschuldigen sie bitte mein Versehen, Herr Burazyk. Ich lasse das schnellstens wieder in Ordnung bringen.“
Und mit diesen Worten ließ sie ihren verblüfften Chef in der Dunkelheit zurück.

„Du hast den Chip einfach gestohlen?“, fragte Nadja ihre Urgroßmutter mit großen Augen.
„Ja. Ich weiß bis heute nicht, welcher Teufel mich damals geritten hat, aber es scheint, dass deine Urgroßmutter damals nicht die hoch verehrte, tugendhafte Heilige war“, antwortete die alte Frau mit einem schiefen Lächeln.
„Aber hat dein Chef denn nicht den Verlust des Chips bemerkt?“
„Doch und er fragte mich am nächsten Tag auch danach. Aber als ich ihm sagte, dass ich keine Ahnung hätte, was mit dem Chip passiert ist, war es ihm wohl zu peinlich, den Verlust zu melden“, sagte ihre Urgroßmutter und die letzten Worte waren nur undeutlich zu verstehen, denn sie musste wieder husten.
Nadja reichte ihr schnell ein Becher mit Wasser und ihre Urgroßmutter nahm ihn dankend in ihre zittrigen Hände. Sie trank ein paar Schlucke aus dem Becher und schmeckte dabei den leicht salzigen Beigeschmack des Wassers. Anscheinend war der Defekt in der Aufbereitungsanlage immer noch nicht behoben.
„Was war denn nun auf dem Chip gespeichert?“, fragte Nadja.
„Das werde ich dir schon noch erzählen, meine ungeduldige Nadeschda.“

In den nächsten Wochen versuchte Barbara etwas über den geheimnisvollen Ort Stawatycze heraus zu bekommen, aber ohne Erfolg. Den Chip hatte sie sorgfältig im Futter ihres einzigen Mantels versteckt. Es war inzwischen Dezember und das Wetter wurde immer schlechter. Schnee- und Hagelstürme peitschten über das karge Land und die Temperaturen tagsüber waren auf minus 20 Grad Celsius gefallen. Es kamen nur recht spärlich Informationen aus anderen Ländern nach Westafrika. Die wenigen Berichte erwähnten Gefechte an den Grenzen. Diesel und Nahrungsmittel waren kaum noch auf dem freien Markt erhältlich. Auch die Ordnung in der Arbeitersiedlung zerbröckelte zusehends, denn immer mehr Arbeiter erschienen nicht mehr zur Arbeit, die auch wegen der Ressourcenknappheit fast zum Erliegen kam. Das gesamte obere Management glänzte seit ein paar Tagen mit Abwesenheit und auch ihren Chef hatte Barbara schon einige Zeit nicht mehr gesehen.

Am frühen Morgen des 21. Dezembers wurde Barbara aus dem Schlaf gerissen. Petrov stand mit schreckensbleichem Gesicht in ihrer kleinen Hütte.
„Steht schnell auf. Die Siedlung wird angegriffen“, stieß Petrov hervor.
Die Kinder waren wie Barbara durch Petrovs Erscheinen geweckt worden und schauten erschrocken von ihrem Onkel auf ihre Mutter. Barbara stand schnell auf und trat zu ihrem Schwager.
„Mach den Kindern keine Angst. Was ist denn los?“, flüsterte sie ihm zu.
„Bewaffnete Plünderer ziehen mordend durch unsere Siedlung und du hast Angst, dass ich die Kinder erschrecke?“, zischte Petrov leise zurück.
In Barbaras Kopf überschlugen sich die Gedanken, aber sie versuchte ruhig zu bleiben.
„Zieht euch schnell was an“, rief sie ihren Kindern zu und griff selbst nach ihren Kleidern.

Vor der Tür tobte ein Schneesturm und Barbara konnte gerade noch die Hütte auf der anderen Seite der kleinen Straße sehen. Petrov nahm Fjordor auf dem Arm und deutete in Richtung des Zentrums der Arbeitersiedlung. Barbara versuchte Olga und Vasiljev unter ihren Mantel zu nehmen, um sie ein wenig vor dem schneidenden Wind abzuschirmen. Dann gingen sie gebückt hinter Petrov her.
Auf der Straßenkreuzung vor ihnen erschien plötzlich ein Kettenfahrzeug. Auf diesen waren mehrere bewaffnete Männer in zerlumpter Kleidung zu sehen. Anscheinend hatte der starke Wind die Geräusche des Fahrzeugs davon getragen, so dass sie es nicht hören konnten. Petrov deutete auf eine Gasse zwischen zwei Hütten. Barbara duckte sich, rannte los und zog ihre Kinder hinter sich her. Hinter ihnen hörte Barbara jetzt lautes Rufen in einer ihr unbekannten Sprache. Anscheinend hatten die Männer sie bemerkt. Barbaras Puls ging schneller. Die Angst um ihre Kinder schnürte ihre fast die Kehle zu.
Petrov bog hinter eine Ecke und drehte sich zu Barbara um. Fjordor klammerte sich mit ängstlichem Gesicht an ihn.
„Wir müssen schnell ein möglichst stabiles Gebäude finden, in dem wir uns verstecken können“, sagte er mit leiser Stimme zu Barbara, als diese sich neben ihn an die Hüttenwand gelehnt hatte.
„Die Verwaltungsgebäude sind nur zwei Straßen weiter“, antwortete Barbara mit zitternder Stimme.

Sie hatten gerade die schwere Tür des Nebeneingangs geschlossen, als sie draußen Schüsse und lautes Schreien hörten. Barbara rannte die leeren Flure entlang und scheuchte ihre Kinder vor sich her. Schließlich erreichten sie die schwere Tür zu dem Büro ihres Chefs. Sie war nicht verschlossen. Barbara schob ihre Kinder in den großen Raum.
Der Schreibtisch in dem Büro war ungewöhnlich leer. Nur der Computer stand noch dort. Bei seinem Anblick kam Barbara eine Idee. Sie angelte den Chip aus seinem Versteck im Futter ihres Mantels. Petrov hatte inzwischen die Tür des Büros hinter sich geschlossen. Er schob den kleinen Schrank unter die Klinke, um die Tür provisorisch zu blockieren. Als er sich umdrehte sah er Barbara, die gerade etwas auf der Tastatur des Computers eingab.
„Was zum Teufel machst du da“, flüsterte Petrov mit mühsam beherrschter Stimme.
Barbara wusste auch nicht genau, warum sie ausgerechnet jetzt auf die Idee gekommen war, den Inhalt des Chips zu prüfen. Auf eine irrationale Art und Weise verband sich der Chip und Stawatycze in ihrem Kopf zu einer Hoffnung auf Rettung.
Petrov umrundete den Tisch. Er wollte Barbara gerade von dem Computer wegziehen, als er einen Grundriss auf dem Monitor des Computers sah. Er hielt inne und betrachte die vielen Gänge und Räume, die sich anscheinend unter der Erde befanden. Daneben schien eine natürliche Höhle zu liegen, die über einen großen Raum mit mehreren Toren zu erreichen war.
„Was ist denn das?“, fragte Petrov und deutete fasziniert auf den Plan.
„Das ist Stawatycze“, erklärte Barbara mit leiser Stimme.
„Hier steht, dass es innerhalb eines alten Bergwerks auf Fuerteventura liegt. Es beinhaltet anscheinend eine Art Bunkersystem unter der Erde mit Zugang zum Meer.“
Jetzt begriff Petrov, dass er sich getäuscht hatte und die große Höhle vielmehr eine Art Innenhafen darstellen musste.
„Hier steht, dass der Ort mit einem Erdwärmekraftwerk, einem Belüftungssystem, mehreren hydrophonischen Gärten, Nahrungsmittellagern und Fischzuchtbecken ausgestattet ist. Außerdem soll er über einen Innenhafen, mehrere U-Boote und ein kleines Stahlverhüttungswerk verfügen“, erklärte ihm Barbara mit zunehmender Begeisterung in ihrer Stimme.
„Und was soll uns das jetzt bringen?“, fragte Petrov.
„Mensch, Schyrin
4. Das ist so eine Art Arche Noah, die sich die Reichen gebaut haben. Ich wette mit dir, dass die Führungsetage von Stawastov dorthin verschwunden ist“, sagte Barbara.
In diesem Moment hörten beide laute Schritte und kurz darauf versuchte jemand die Tür zu öffnen. Petrov schaute sich um und stellte fest, dass es nur einen weiteren Ausgang gab. Das Fenster zum Innenhof des Gebäudes.

Barbara, Petrov und die Kinder näherten sich dem großen Hauptlager, das südlich der Verwaltungsgebäude lag. Plötzlich stolperte Vasiljev und er fiel der Länge nach in den dreckigen Schnee. Aus den Augenwinkeln sah der Junge etwas, dass beinahe sein Blut gefrieren ließ. In einer Gasse zwischen zwei Hütten lagen eine Frau und ein kleines Mädchen. Die Kleidung beider war zerrissen und blutverschmiert.
Barbara blieb stehen und bemerkte, dass ihr Sohn am Boden erstarrte. Ihr Blick wanderte von ihrem Sohn in die Gasse neben ihm und ein Zittern lief durch ihren Körper.
Petrov lief zu Vasiljev. Er hob ihn mit einem Arm hoch und zog mit dem anderen Barbara weg von dem grausigen Anblick.

Das Lager bestand aus mehreren Gebäuden, die durch einen großen Stacheldrahtzaun vom Rest der Siedlung getrennt waren. In der großen Halle des Lagers drängten sich Arbeiter und ihre Familien zwischen Paletten und großen Transportrobotern. Barbara sah viele bekannte Gesichter. Anscheinend hatten sich viele aus der Siedlung hierher geflüchtet. Ein paar der Arbeiter hielten improvisierte Waffen in ihren Händen. Sie waren in hitzige Diskussionen verstrickt, was nun zu tun sei.
Barbara ärgerte sich darüber, dass die Anwesenden sich verhielten wie kopflose Hühner. Die Angst um ihre Kinder setzte ihr immer noch zu und gleichzeitig musste sie ständig an den Inhalt des Chips denken. Mit dem Mut der Verzweiflung traf Barbara eine Entscheidung. Sie bat Petrov auf die Kinder aufzupassen und lief zu einer Stahltreppe, die auf eine Art Balustrade führte. Oben angekommen, ging sie zur Kontrollstelle des an der Decke hängenden Krans. Dieser befand sich genau in der Mitte der Halle. Von dort aus versuchte sie mit lauten Rufen auf sich aufmerksam zu machen - doch ohne Erfolg. Ein Blick auf die Kontrollen verriet Barbara, dass die Steuerungsmechanismen über Strom verfügten. Ohne zu zögern, bewegte sie den größten Hebel auf sich zu. Der Kran unter der Decke setzte sich unter lauten Geräuschen in Gang und kam auf das Kontrollpult zu. Die Menge in der Halle verstummte. Alle schauten zum Kran und schließlich zu Barbara in der kleinen Kontrollstation hinauf.
Jetzt oder nie, dachte Barbara.
„Hört mich an, Towarischi
5“, rief Barbara und ihre Stimme hallte von den Wänden wider.
„Ihr wisst nicht, wohin ihr gehen sollt, denn die Siedlung ist nicht mehr sicher. Die Plünderer verschonen nicht mal Frauen und Kinder und die Lage erscheint aussichtslos“, rief Babara den Anwesenden zu.
„Ich habe selbst drei Kinder und ich denke es gibt nur einen Ausweg um sie zu retten“, fügte sie hinzu. Sie machte eine kurze Pause.
Ein paar der Anwesenden schauten ungläubig, aber der größte Teil wartete anscheinend auf eine Erklärung.
„Ich bin im Besitz von Informationen über ein geheimes Projekt von Stawastov. Die Chefetage unserer Firma hat sich einen unterirdischen Bunkerkomplex in den neuen Minen im Südwesten Fuerteventuras bauen lassen. Dorthin sind sie alle verschwunden, um der Kälte zu entfliehen“, rief Barbara mit Wut in ihrer Stimme. Empörtes Gemurmel drang von der Menschenmenge zu ihr empor.
„Aber jetzt kommt das Wichtigste: dieser Bunkerkomplex ist so groß und gut ausgestattet, dass er das Überleben von uns allen sichern kann!“, rief Barbara der Menge zu.
„Aber wie sollen wir da hin kommen?“, schrie eine Frau.
„Wir müssen uns eins der Transportschiffe im Hafen schnappen“, antwortete Barbara energisch. „Mit diesem können wir schnell die kurze Strecke nach Fuerteventura zurücklegen.“
„Aber der Hafen ist bereits in der Hand der Plünderer“, entgegnete ein Mann.
„Dann müssen wir uns den Hafen eben zurückholen“, rief Petrov, der inzwischen auf der Stahltreppe stand und von dort der Rede Barbaras gefolgt war. Er hielt eine lange Stahlstange in der Hand. Mit seinem grimmigen Gesichtsausdruck erinnerte er an Denkmäler, die viele der Anwesenden noch aus dem alten Russland kannten.

Barbara stand auf der Brücke des Transportschiffes „Wera“ und schaute auf das Meer hinaus. Zwar war der Schneesturm erstmal vorüber, aber man konnte einige Eisbrocken im Meer treiben sehen. Die Abkühlung der Erde schien sich zu beschleunigen. Barbara zitterte trotz des beheizten Raums.
Vielleicht lag es auch an der Erinnerung an die zurückliegenden Minuten. Die Arbeiter hatten mit Stahlstangen und Werkzeugen die schwer bewaffneten Plünderer im Hafen einfach überrannt. Schnell war die Besatzung des einzigen Frachtschiffs befreit und die Familien an Bord gebracht worden. Jetzt legte das Schiff ab.
„Allmächtiger! Schaut euch das an!“, rief Petrov, der durch die Fensterfront zum Hafen zurückschaute. Barbara und der Kapitän des Schiffes, Karl Gingert, traten mit ans Fenster. Auf der Zufahrtsstraße zum Hafen war ein Panzer zu sehen, der auf den Kai zuhielt.
„Volle Kraft voraus!“, rief der Kapitän seinen Steuermann zu. Dieser gab hastig den Befehl an die Besatzung des Maschinenraums weiter. Barbara sah, dass der Panzer den Kai bald erreicht hatte.
„Geben sie an die Mannschaft weiter, dass sie die Menschen aus dem Heck des Schiffes nach vorne bringen sollen“, sagte der Kapitän zu seinem ersten Offizier.
Petrov nahm ein Fernglas und richtete es auf den Hafen aus. Gerade als er das Fernglas scharf gestellt hatte, richtete der Panzer seinen Turm mit dem großen Geschütz auf den Frachter aus. Bevor Petrov etwas sagen konnte, hörten alle auf der Brücke einen Schuss und kurz darauf eine laute Explosion aus Richtung Heck.
Der Kapitän und Barbara liefen zum Heckfenster. Sie sahen, dass der Panzer den hinteren Ladekran getroffen hatte. Die Aufbauten des Krans lagen zerfetzt herum, aber der Kran selbst schien halbwegs intakt.
„Die können mit dem Panzer nicht richtig umgehen“, sagte der Kapitän mit erleichterter Stimme.
„Was?“, fragte Barbara irritiert.
„Explosivgeschosse können die Doppelhülle dieses Schiffs nicht durchschlagen. Aber wenn er mit panzerbrechender Munition unterhalb der Wasserlinie trifft, werden wir schnell absaufen“, erklärte der Kapitän. Er schaute durch sein Fernglas in Richtung Hafen. Der Panzer kam gerade schlitternd am Rand des Kais zum Stehen. Er richtete sein Geschütz erneut auf den Frachter aus.
„Runter!“, rief der Kapitän und riss dabei Barbara zu Boden.
Ein weiterer Schuss war zu hören - Sekundenbruchteile später ein lautes Krachen. Barbara spürte, dass eine leichte Erschütterung durch das Schiff ging.
„Scheiße! Jetzt scheint er andere Geschosse zu verwenden“, fluchte der Kapitän. Barbara lag so dicht bei ihm, dass sie seinen Schweiß riechen konnte.
„Treffer am Heck, Kapitän“, meldete der erste Offizier. Barbara betete, dass ihren Kindern nichts passierte. Sie hatte sie in der Obhut eines Freundes von Petrov gelassen. Sie bereute es jetzt, sie nicht bei sich zu haben. Der Kapitän richtete sich auf und spähte durch das Heckfenster.
„Es hat wieder angefangen zu schneien“, rief er und griff wieder zum Fernglas. „Ich kann den Panzer kaum noch sehen“, fügte er mit freudiger Erregung in der Stimme hinzu.
Kurz darauf war wieder ein Schuss zu hören. Alle zuckten bei dem Geräusch zusammen. Aber es spritzte nur eine Wasserfontäne an Backbord in die Höhe. Der Panzer hatte sie verfehlt.

„Kurz darauf war die Sicht auf weniger als 50 Meter gesunken und das rettete uns erstmal das Leben“, erklärte Barbara ihrer Urenkelin.
„Habt ihr Fuerteventura erreicht?“, fragte Nadja.
„Ja. Obwohl das Schiff ein Leck hatte, schafften wir es bis zur Insel. Wir fanden dort eine Arbeitersiedlung, ähnlich der unsrigen, die unweit des Bergwerks errichtet worden war. Auch dort gab es viele Familien, die nicht wussten, wo sie Zuflucht vor der Kälte suchen sollten.“
„Ich nehme an, du hast auch diesen Leuten von Stawatycze erzählt“, folgerte Nadja.
„Ja, und sie gingen mit uns dorthin“, sagte ihre Urgroßmutter mit leiser Stimme.
„Was passierte dann?“, fragte Nadja.
„Etwas Schreckliches“, sagte Barbara und dann erzählte sie mit belegter Stimme weiter.

Petrov erfuhr es zuerst. Die Zugänge zu dem Bergwerk Stawatycze waren seit ein paar Tagen geschlossen. Sie wurden von bewaffneten Sicherheitsleuten bewacht, die keinen in die Minen ließen. Trotzdem brachen alle zusammen auf.
Als Barbara, ihre Kinder, Petrov und Kapitän Gingert an der Spitze der über hunderttausend Köpfe zählenden Menschenmasse das Tor des Bergwerksgeländes erreichten, war das Wachhaus verlassen. Hinter dem Tor führte eine Straße einen niedrigen Hügel hinauf, auf dem man trotz des Schneefalls ein großes Gebäude sehen konnte. Dort oben war der Mineneingang.
Nachdem die Menge bereits ein Stück die Straße hinauf gegangen war, hörten sie eine durch ein Megaphon verstärkte Stimme.
„This is private ground. Leave or you will be fired upon!“, dröhnte es über das Gelände.
Barbara war eine der wenigen, die Englisch sprach und so verstanden die meisten den Inhalt der Warnung nicht. Sie drängten weiter die Straße hinauf, um möglichst bald der Kälte zu entfliehen. Barbara versuchte sie zu warnen, aber ihre Stimme ging in der Menschenmenge unter. Dann plötzlich wurde Olga, die sie gerade noch an der Hand gehalten hatte, von der Menschenmenge mitgerissen. Barbara hörte Olga ihren Namen rufen. Aber die Menschen drängten sich so dicht auf der Straße, dass sie nicht zu ihr durchdringen konnte.
Dann ertönte vom Hügel das Rattern eines Maschinengewehrs.
Die Menge stockte und lief schließlich in alle Richtungen auseinander. Viele Menschen fielen vor Barbara zu Boden. Mehrere Geschosse schlugen direkt vor ihr in den Schnee ein. Dann sah sie ihre Tochter vor sich auf der Straße liegen. Sie rannte die Straße hinauf und warf sich vor den Körper ihrer Tochter in den Schnee. Das erschrockene Gesicht ihrer Tochter starrte sie an. Barbara sah die immer größer werdenden roten Flecken auf dem kurzen Mantel. Olga öffnete den Mund, wie um ihre Mutter etwas zu fragen. Dann verkrampfte sich ihr kleiner Körper und ihr Blick brach.
Ein lauter Schrei entwich Barbaras Kehle. Sie hob ihre Tochter auf und drückte sie fest an sich.
Unterdessen erwiderten einige der Flüchtlinge das Feuer. Um Barbara schlugen weitere Geschosse ein, doch sie nahm nichts davon wahr.
Petrov lag mit Fjordor und Vasiljev auf der anderen Seite der Straße. Er schaute zu Barbara hinüber und sah nun wie diese mit ihrer leblosen Tochter in den Armen im Kugelhagel aufstand.
„Bleib in Deckung!“, rief Petrov ihr zu.
Aber Barbara ging, ihre tote Tochter anklagend vor sich haltend, auf die Stellung zu. Das Maschinengewehr auf dem Hügel ratterte noch einmal. Aber keine der Kugel traf Barbara.
Alle Flüchtlinge starrten nun Barbara an, wie diese unbeirrt - mit Tränen in den Augen - weiter die Straße hinauf ging. Schließlich schoss keiner der Flüchtlinge mehr und auch das Maschinengewehr schwieg. Barbara setzte ihren Gang fort.

Die beiden saßen noch eine Weile schweigend zusammen. Barbara hatte ihre Erzählung gerade damit beendet, wie die Sicherheitsleute sich ergaben, die Flüchtlinge den Bunkerkomplex erreichten und dort begannen, eine neue christliche Gesellschaft zu gründen, die sich im Kampf ums Überleben nicht selbst vernichtete. Nach einer Weile schlief Barbara wieder ein. Nadja streichelte ihr sanft über das graue Haar. Durch das Bullauge des kleinen Zimmers, konnte sie den Innenhafen von Stawatycze sehen, in dem gerade ein kleines U-Boot mit einem Schleppnetz voller Fische einlief.

Epilog:
Und so führte die heilige Barbara die Gläubigen an, um in den Minen Unterschlupf gegen die große Kälte auf der Erde und in den Herzen der Menschen zu finden. Doch ein paar Menschen, denen ihr eigenes Heil mehr bedeutete als das Überleben vieler, verweigerten ihnen den Einlass. Es kam zu Kämpfen zwischen den beiden Gruppen, aber Barbara schritt zwischen die Kämpfenden und eine leuchtende Aura umgab sie dabei. Vor Ehrfurcht ließen alle ihre Waffen sinken und gemeinsam zog man unter die Erde.

Aus den Aufzeichnungen des Priesters Stanislaw Radovitsch, Stawatycze, 169 BG6

 

1 russisch für ?Urgroßmutter?
2 Nadja ist die Kurzform des russischen Namens Nadeschda
3 russisch für ?Guten Morgen?
4 russisch für ?Schwager?
5 russisch für ?Genossen?
6 Die Jahreszählung BG (Barbaras Gang) geht auf die heilige Barbara zurück, die der Legende nach die Begründerin von Stawatycze war.

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