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03:01 Uhr (UNL)

Eine Kurzgeschichte aus der UNL von Mirko Beine.

03:01 Uhr (UNL)

Ein Wimmern weckte ihn. Christer hatte nicht tief geschlafen, nur gedöst, war an der Grenze zwischen Traum und Wirklichkeit dahingedämmert.
"Bleib liegen, Schatz", hauchte Ellin neben ihm. "Ich war eh wach". Kühle Finger glitten sanft über sein Gesicht. Sie zitterten. Er griff nach ihrer Hand und hielt sie für einen Herzschlag fest. "Schhhh", beruhigte er sie. "Es wird alles gut gehen".
"Ja", sagte sie leise, dann, überzeugter: "Ja".
Sie küsste ihn sachte auf die Wange, entzog sich ihm, glitt langsam aus dem Bett und ging zum Dimmer an der Wand. Sie drehte ihn ein Stück, doch statt den Raum langsam mit stärker werdendem Licht zu erfüllen, blieben die zwei Lichtröhren dunkel. Dann erzitterten sie kurz in elektrischem Summen. Eine gewann den Kampf gegen die marode Verkabelung und tauchte das Quartier in gedämpftes Zwielicht.
Ellin ging in den noch finsteren Wohnbereich, an den gepackten Hartschalenkoffern neben der Tür vorbei. Es waren zwei kleine Koffer, gepackt mit dem Allernötigsten: Kleidung, etwas Kosmetika, ein paar persönliche Dinge.
Er warf einen Blick auf die Digitaluhr, die neben dem Bett auf dem Boden Stand. 03:01:44. Noch eine Stunde, dann würden sie hier weg sein. Christer verschränkte die Arme hinterm Kopf und starrte an die Decke.
Sie lebten nun seit vier Tagen in dem heruntergekommen Loch. Es war Teil einer weitläufigen Arbeiterwohnanlage auf Level 23 und lag in einem der vielen, verwirrend-verwinkelten Nebenfluren zu den breiten Hauptgängen. Wenn die Arbeiter in die Fabrikbezirke strömten, konnte man das Klacken tausender Sohlen auf den Bodengittern hören. Erst waren es nur wenige, dann gesellten sich mehr dazu, mehr, bis schließlich alle Gänge davon widerhallten. Dann verebbte es langsam, weniger Schritte, schließlich verstummten auch diese.
So ging es zu jedem Schichtwechsel, von links nach rechts, von rechts nach links.
Der Kerl, der sie hier heraus bringen sollte, hatte alles für sie organisiert. Nur für'n paar Tage, hatte er gesagt, fünf, vielleicht auch sechs, bis er alles in die Wege geleitet hätte. Bis dahin sollten sie sich bedeckt halten, kein Aufsehen erregen.
Am ersten Tag waren sie sehr angespannt gewesen, bei jedem Geräusch gehetzt zusammengefahren. Sie hatten still nebeneinander gesessen und kein Wort gewechselt, obwohl die Warterei sie halb wahnsinnig machte. Christer hatte sich gefühlt, als ob jeden Augenblick etwas passieren müsse. Aber es passierte einfach nicht. Am zweiten Tag war es schon besser gegangen, am dritten schließlich, als er fast alle Anspannung von sich gewichen glaubte, war ein Informant erschienen.
"Morgen, vier Uhr", hatte er mitgeteilt, und Christer hatte nur mechanisch genickt, unfähig, auch nur ein Wort herauszubringen. Er hatte sich hingesetzt, und seine Hände und Füße hörten über zwei Stunden nicht auf zu zittern.
Jetzt hingegen, wo er wusste, dass in weniger als einer Stunde die Angst, das Verstecken ein Ende haben würden, fühlte er sich seltsam ruhig und gelassen. Als ob er alles nur beobachtete, gar nicht selber beteiligt war.
Ellin kam aus dem Wohnbereich zurück. Sie wiegte ein Stoffbündel in ihrem Arm, das sie zwischen ihnen in die Mitte des Bettes legte. Das Jammern wurde zu einem zufriedenen Gurren.
"Ist sie nicht süß?", fragte Ellin.
Christer drehte sich auf die Seite und sah seine Tochter an. Als ihre kleinen, dunklen Augen ihn entdeckten, lächelte sie schief. Das eine, zu große Auge blinzelte dabei aufgeregt, und ihr rechtes, verkrüppeltes Ärmchen ruderte unbeholfen.
"Ja", sagte er, und er meinte es so. In einer Stunde würde er alles für sie aufgeben: Seinen Job, seine Freunde, das Leben, dass er sich mit Ellin aufgebaut hatte.
Sie würden von vorne beginnen, irgendwo, wo man ihnen ihr Baby nicht wegnehmen durfte.
Er warf noch einmal einen Blick auf die Uhr. 03:16:12. Langsam war es Zeit, sich bereit zu machen. Er gab Ellin noch einen Kuss auf die Stirn, ließ seine Lippen einen Moment daran verweilen. Dann rollte er sich unbeholfen aus dem Bett. Immer noch dumpf vor Müdigkeit ging er in die Küche, holte sich eine Tüte Sojamilch aus der Kühleinheit und trank. Auf der Tüte war ein lachendes Kind mit einem Milchbart abgebildet. Für Christer wirkte das Lachen auf eine groteske Art starr und aufgemeißelt, und der Flaum aus Milch erinnerte ihn an weißen, kranken Schaum.
"Auf Nimmer-Wiedersehen", sagte er zu dem Trink Svorrny-Milch-Kind und stellte die Tüte zurück in die Kühleinheit. Als er die Tür schloss überlegte er, ob das Kind auf der Packung ihm dort, in der Dunkelheit, jetzt vielleicht die Zunge herausstreckte. Eine pelzige, weiß belegte Zunge in einem totenstarr lachenden Gesicht.
Er wollte gerade in die Hygienekammer gehen, als es an der Quartiertür klopfte. Er fuhr zusammen. Ellins Gesicht erschien in der Schlafzimmertür. Sie tippte mit dem Finger auf ihr Handgelenk. Jetzt schon, formten ihre Lippen. Christer hob beschwichtigend die Hände und ging zur Tür. Er atmete tief ein und versuchte ruhig zu bleiben. Sicherlich hatten man den Termin nur ein paar Minuten nach vorne ziehen müssen, sagte er sich. Und das war doch wunderbar?! Je schneller sie hier wegkamen, desto besser. An der Tür blieb er stehen, sah über die Schulter nach hinten. Ellin beobachtete ihn sorgenvoll. Er hob den Daumen, zwinkerte ihr zu und grinste. Wird schon schief gehen. Als er die Tür einen Spaltbreit geöffnet hatte, trat von außen jemand hart dagegen. Die Türkante traf ihn ins Gesicht. Die Wucht des Aufpralls warf ihn ins Zimmer hinein.
Die Glasfläche des Wohnzimmertisches splitterte unter ihm. Eine Scherbe schnitt scharf in seine linke Hand, seine Nase schmerzte und Blut troff warm über seine Lippen. Aus dem Schlafzimmer hörte er Ellin aufschreien. Benommen hob er den Kopf. Er sah drei Paar Stiefel. Eines der Stiefelpaare wurde von einem weißen Mantel umrahmt. Zwischen den beiden anderen entdeckte er jetzt noch ein Paar ölverschmierte Arbeiterschuhe.
"Aufstehen", bellte eine Stimme, aber er konnte sie nicht genau zuordnen. Mühsam kam er auf die Beine und weitere Glassplitter schnitten in seine Hände und Knie. Vor ihm stand ein hochgewachsener Mann in einem grellweißen Mantel. Auf einer Schulter prangte ein dunkelblaues Kreuz, in das die Buchstaben "G" und "K" eingearbeitet waren. GenKom. Hinter ihm stand der Kerl, der sie hier hätte rausbringen sollen, links und rechts von je einem grau uniformierten AKA-Beamten flankiert. Er hatte den Kopf gesenkt und vermied es, Christer in die Augen zu sehen.
Der Mann mit dem Mantel richtete das Wort an ihn."Ihr Bekannter hier", und er deutete nach hinten, "war so freundlich mit uns zu kooperieren. Sie haben es uns wirklich nicht leicht gemacht". Er machte eine Pause und sah über Christers Schulter hinweg zu Ellin, die immer noch in der Schlafzimmertür stand. Sie schluchzte, und hinter ihr war das Wimmern des Babys zu hören.
"Ich schlage vor, sie folgen uns einfach und arbeiten ebenso gut mit uns zusammen wie ihr Kollege. Das erspart uns allen viele Unannehmlichkeiten. Wenn sie mir keine Probleme machen, lege ich ein gutes Wort für sie ein, und sie kommen relativ unbehelligt aus dieser Affäre heraus. Nun?".
Christer stand still da. Der Mut der Verzweiflung überkam ihn, und für einen kurzen Moment wägte er seine Chancen ab.
Dann ließ er die Schultern sinken und starrte auf den Boden. Sie waren so nah dran gewesen. "In Ordnung", sagte er.
Es war vorbei.

- Mirko Beine
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