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Fan-Beiträge

Hier finden Sie von der Redaktion für gut befundene Beiträge von Spielern und Spielleitern. Die Inhalte geben nicht zwingend die Meinung der Redaktion wieder und können, müssen aber nicht in die offizielle Linie eingehen.

Interview zur Lage im BFS

Eine Fan-Einsendung von Markus Englert

 

Interview des Lod-Herold

 

Zur aktuellen Lage im BFS sprachen wir mit Dr. Bernhard Stößer, Mitarbeiter der RDL-Delegation des BFS unter dem aktuellen Board und Dozent an der Lod Universität für Geisteswissenschaften mit dem Fachbereich Vergleichende Regierungslehre und Gegenwartsgeschichte. Dr. Stößer wurde nach seiner Flucht aus dem BFS während des Munderregimes durch seine Veröffentlichungen zur Vergleichenden Regierungslehre, vor allem aber wegen seiner kritischen Artikel zu den Sicherheitsgesetzen und dem Ausreiseverbot des BFS aber auch zur Krise im Herbst des Jahres 99 sE bekannt. Im Rahmen der Offensive Öffnung nach dem Fall Munders wurde er der BFS-Delegation im RDL als Berater zugeteilt.

 

Lod-Herold: Dr. Stößer, Vielen Dank, dass Sie sich für uns Zeit genommen haben. Die neuesten Nachrichten aus dem BFS sind beunruhigend: die für die Nahrungsmittelproduktion wichtige Stadt Norway wie auch das Verfassungsgericht von Munders Gefolgsleuten besetzt, das als Symbol der „Offensive Öffnung“ geltende Boardmitglied Las Mares ermordet und Munder fordert seine Wiedereinsetzung. Die Bürger des gesamten RDL sind durch die Entwicklung sehr beunruhigt. Wie beurteilen Sie die Lage in ihrem Heimatland?

 

Dr. Stößer: So wie ich die Dinge gegenwärtig sehe, ist im Moment noch alles offen. Entscheidend ist jetzt, auf wessen Seite sich der GeSiDi und vor allem das Militär stellt.

 

LH: In der Vergangenheit konnte man den Eindruck gewinnen, dass das Militär sich nur zögernd gegen die TAT stellt. Zumindest schien es so, als würde man nicht sonderlich intensiv nach dem offiziell als Pirat bezeichneten Kapitän Armert und seinen Leuten suchen.

 

S.: Das ist leider nicht völlig aus der Luft gegriffen. Es gibt innerhalb des Heeres die Einstellung, dass Soldaten des Heeres nicht auf Soldaten des Heeres schießen sollten. Allerdings hat jetzt Armert selbst diese Grenze überschritten: bei dem Angriff auf Norway kam es zu heftigen Gefechten mit den örtlichen Truppen und die TAT schreckte vor tödlicher Gewalt nicht zurück. Das könnte dazu führen, dass sich das Militär jetzt deutlicher gegen die TAT stellt.

 

LH: Was wäre die Folge?

 

S: Auch das käme darauf an. Wenn das Board das Militär schnell und entschlossen einsetzt, könnte die TAT schnell besiegt werden. Im Gegensatz zur Vergangenheit weiß man jetzt genau, wo die Burschen stecken – gesammelt in Norway. Wenn das Board aber nicht entsprechend entschlossen handelt oder das Militär sich auf Munders Seite stellt – oder auch nur passiv verhält – wird die TAT zumindest Norway halten. Weitere Städte könnten dann rasch folgen.

 

LH: Sind das die beiden Möglichkeiten?

 

S: Ich sehe auch noch eine dritte Option, die möglicherweise schlimmste: das Militär stellt sich teilweise auf beide Seiten und der BFS landet in einem ernsten Bürgerkrieg zwischen Mundertreuen und den Anhängern der „Offensive Öffnung“.

 

LH: Was hätte das für Internationale Auswirkungen?

 

S: Ich gehe stark davon aus, dass die übrigen Länder sich auf die Seiten der rechtmäßigen Regierung und gegen Munder stellen würden. Zumindest politisch, wenn das Board darum ersucht wahrscheinlich auch militärisch. Eine Rückkehr Munders ist für keines der anderen Länder wünschenswert. So oder so würde ein Bürgerkrieg im BFS den RDL in seiner Gesamtheit schwächen und einer erneuten Bedrohung durch Liberty Tür und Tor öffnen.

 

LH: Und wenn Munder weitgehend problemlos wieder an die Macht gelangt?

 

S: Dann könnten die Auswirkungen fast dieselben sein: Munder ist im Stande und könnte die von ihm als unrechtmäßig empfundene Einmischung der anderen Länder, die zu seiner Inhaftierung und Verurteilung führte als kriegerischen Akt verurteilen. Das könnte zum Krieg zwischen BFS und RDL oder zumindest einzelnen Ländern führen.

 

LH: Wird der Tod von Markus Las Mares die Handlungsfähigkeit des Boards beeinflussen?

 

S: Die Tatsache, dass für Entscheidungen des Boards eine Zweidrittelmehrheit notwendig ist, macht seinen Tod in dieser Krise bedeutend. Senger und Fingerhut haben zusammen 20 Prozent der Stimmen, was nicht reicht, um das Board zu blockieren. Aber für Kanida und Spicher ist es schwieriger geworden, Entscheidungen durchzubekommen. Es hängt davon ab, wovon sich die übrigen Boardmitglieder mehr versprechen: Gegen Munder kämpfen oder vor ihm zu Kreuze kriechen. Was passieren wird, kann ich beim besten Willen nicht sagen.

 

LH: Welche Rolle spielt das Verfassungsgericht?

 

S: Das Verfassungsgericht hat die Absetzung Munders und die Neuwahlen des Boards gesetzlich abgesegnet. Es steht hinter der „Offensive“. Wenn Munder ins Amt zurück will geht das nur mit dem Segen des Verfassungsgerichts.

 

LH: Aber wenn diese Zustimmung durch Gewalt erpresst wird?

 

S: Das Board setzt die Richter ein. Das geschieht zwar eigentlich auf Lebenszeit, aber besondere Umstände können die Absetzung von Richtern ermöglichen, etwa Erpressbarkeit, Bestechlichkeit oder nachgewiesener Landesverrat. Dementsprechend könnte Munder nach seiner Rückkehr ins Amt schlicht die erpressten Richter entlassen, neue Richter einsetzen und sich von diesen dann die Rechtmäßigkeit seines Amtes erneut bestätigen lassen.

 

LH: Wie sehen sie die Rolle des GeSiDi?

 

S: Der GeSiDi ist ebenso wie das Militär gespalten. Allerdings gehe ich beim GeSiDi eher davon aus, dass seine Mitglieder die Krise aussitzen werden und danach einfach weiter machen werden wie bisher.

 

LH: Droht dem übrigen BFS durch die Besetzung der Nahrungsmittelzentrale Norway eine Hungersnot?

 

S: Das kann ich klar verneinen. Die Städte des BFS produzieren jede für sich genügend Algengrundmasse, um nicht nur autark zu sein, sondern auch noch Überschüsse in die anderen Länder exportieren zu können. Das sollte eigentlich allgemein bekannt sein. Dazu gibt es neben Norway mit Kolumbia eine weitere Stadt in der rege Fischzucht betrieben werden kann. Beim Export von Fisch in den RDL mag es zu Engpässen kommen, auf Algen wird sich das kaum auswirken.

 

LH: Dennoch sprechen Berichte aus dem BFS von Hamsterkäufen.

 

S: Unbegründete Panik, meiner Meinung nach. Die Selbstversorgung des BFS ist gesichert. Lediglich bei einzelnen Produkten wird es eventuell Versorgungsschwierigkeiten kommen, verhungern wird wegen der Besetzung Norways aber niemand. Wenn der Konflikt aber nicht schnell beigelegt wird, könnte das für die Versorgung der übrigen RDL-Staaten, vor allem Stawas, erhebliche Auswirkungen haben.

 

LH: Dr. Stößer, wir danken Ihnen für dieses aufschlussreiche und informative Gespräch.

 

Vertrauen

Vertrauen
Eine Lodland-Kurzgeschichte von Peter Holthaus

„Traust du ihm?“
Ihre Stimme war kaum lauter als das lästige Pfeifen aus dem Lüftungsschacht oder das unrunde Brummen der Motoren, dass sich aus dem Maschinenraum herüberschlich.
Bernard schaute vom Bildschirm des VASI auf, den er seit ein paar Minuten beobachtet hatte.
„Wem? Michael?“
Ein Lächeln schlich sich auf sein Gesicht. Das Lächeln mit dem er bei Verhandlungen immer seinen Willen durchsetzte, jenes Lächeln, wegen dem sie hier war.
„Non, du weißt doch: Traue niemandem weiter als…“
„… du ihn werfen kannst. Ja ja“, beendete Korinna den Spruch, den er so oft benutzte.
„Ich meine nur, weil du ihm anscheinend alles glaubst. Die Route, die uns sonst keiner bestätigen konnte, die Ladung …“
Bernard wendete sich ihr jetzt ganz zu, wobei der vernachlässigte Bildschirm ein mattes grünliches Glühen auf sein Gesicht warf.
„Er hat bewiesen, dass man ihm zumindest bei seinen Quellen vertrauen kann. Und wir brauchen diesen Fang, sans le Geld fällt die Unruh auseinander!“
Wie um seine Worte zu unterstreichen ertönte plötzlich ein Reißen aus Richtung Heck und sie konnten die Stimme von Remonde hören, der über billige Ersatzteile und wertlose Städtertechnik schimpfte.
„Ich finde, wir sollten ihn im Auge behalten. Ich habe ein schlechtes Gefühl…“
Er streckte die Hand aus und legte sie ihr unters Kinn, zog mit seinen kräftigen Fingern ihr Gesicht herum, so dass sie ihn ansehen musste.
„Ecoute, wenn er uns wirklich eine Falle stellen will, pourquoi kommt er dann freiwillig an Bord?“
Sie schwieg einen Moment, rutschte auf dem durchgesessenen Polster herum und verzog dann das Gesicht: „Ich weiß nicht, irgendwas an ihm stört mich!“
Bernard verdrehte die Augen, hatte sich aber schnell wieder unter Kontrolle.
„Wenn du unbedingt willst, bleibt Jean bei ihm, während wir die Fracht holen.“
Sie zögerte noch einen Moment, zupfte an einem Stück Klebeband an der Konsole neben ihr und seufzte schließlich.
„Gut. Wenn das aber schief geht …“
„… darfst du mich darauf hinweisen, dass du es schon longtemps vorher gesagt hast. Alors, wir sind bald da.“

Die Unruh lag nur wenig später auf einem Geröllhang, perfekt in Position für den erwarteten Transporter.
Und allem Anschein nach waren Michaels Informationen so gut wie er behauptet hatte.
Fast auf die Minute genau konnte sie das dumpfe Geräusch der Schrauben hören, und nach einer Weile war es für alle an Bord auch ohne das Sonar vernehmbar.
Sie warteten gespannt, während das gleichmäßige Rumpeln lauter wurde, bis es laut genug war, um in der einsamen Tasse Algenkaffe auf der Konsole kleine Wellen zu schlagen. Und tatsächlich konnten sie den Transporter für einen Moment sehen, wie er nur wenige Meter über ihnen seinem Kurs folgte.
Mit einem breiten Grinsen stützte Michael sich am Schott zur Brücke ab und verfolgte den Transporter: „Seht ihr, wie ich gesagt habe! Harris ist einfach zu stur, um den Plan zu ändern!“
Bernard wandte seinen Blick von der Sichtscheibe ab und sah sie an.
Mit einem resignierenden Seufzer startete sie die Motoren, presste etwas Wasser aus den Ballasttanks und fing gekonnt mit den Trimmzellen das Taumeln ab, dass die fehlende Ballastpumpe an Backbord verursachte.
Wenig später folgten sie dem Transporter in seinem aufgewühlten Kielwasser.
Das von den großen Doppelschrauben verwirbelte Wasser sorgte für eine unruhige Fahrt, aber mit der Eleganz eines geübten Teams glichen sie die Unruhe aus und Bernard peilte das Heck an.
„Un peu näher … Nur noch ein Stück…“
Mit einem lauten Zischen wurden die Torpedos aus den Rohren gepresst und jagten ihrem Ziel entgegen. Die Besatzung des Transporters bemerkte die Torpedos nicht, was durchaus verständlich war, da sie direkt aus ihrem blinden Fleck kamen und zielstrebig wie blutgierige Haie auf das Heck zuhielten.
Kurz vor dem Treffer beschleunigte Korinna die Unruh und setzte zu einem Sprint an, den die Maschinen mit einem lauten Kreischen quittierten.
Der erste Torpedo zerfiel direkt vor der Steuerbordschraube und das Netz wickelte sich um die Achse, während der zweite sich an den Rumpf heftete, ein kleines Loch ätzte und sein Gas hineinpumpte.
Mit großer Geste griff Bernard nach dem Kippschalter der Kommunikation und genoss sichtlich seinen Spruch:
„LZS Marianne, ici ist Bernard Matiste auf dem unabhängigen Schiff Unruh. Wie ihr sicherlich bemerkt habt, ist grade der größte Teil der Besatzung bewusstlos geworden et avec le Netz an eurer Schraube habt ihr keine Chance uns zu entkommen. Haltet an und nous prenons nur eure Fracht!“
Spannung breitete sich auf der Brücke aus, bis deutlich wurde, dass die Marianne tatsächlich langsamer wurde und wenig später zum Halt kam. Grinsend schaute Bernard zu ihr und dann zu Michael. „Tja, wenigstens ist der Kapitän vernünftiger comme ton Geschäftspartner!“
Während sie die Schiffe nebeneinander manövrierte erhob sich Bernard. Er schaute ihr über die Schulter, während er nach seinem Entermesser und dem Schlagstock griff und beide an seinem Gürtel verstaute.
Als die Schleusen aneinander lagen und der Dockvorgang lief, stand sie aus ihrem Sitz auf und bedeutete Michael, dem Kapitän zu folgen.
Vor der Schleuse hatten sich alle versammelt. Vielleicht nicht die beste Methode ein Schiff zu entern, aber bei so wenig Besatzung musste der Autopilot die Schiffe stabilisieren.
Bernard baute sich grade vor seiner Mannschaft auf, schaute in die Runde und lächelte.
„Leute, wenn nous das jetzt gekonnt durchziehen, haben wir‘s geschafft! Cette Ladung bringt uns genug Lex, um die Unruh endlich in ein Dock zu bringen“, sein Lächeln verwandelte sich in ein siegessicheres, breites Grinsen, „et ca heißt: Zwei semaines Urlaub et beaucoup Geld, um den zu genießen!“
Unter dem Jubel der Besatzung öffnete sich die Schleuse und sie strömten in den Transporter, zwängten sich zu zweit durch die enge Schleusenkammer. Jean und Remonde waren ganz vorne, Hans und Dieter nur wenig hinter ihnen und Bernard mit Michael als dritte Gruppe.
Nur Korinna blieb etwas zurück, erstaunt, dass der Kapitän ihre Bedenken einfach so in die Strömung werfen konnte und Michael plötzlich genug vertraute, um ihn neben sich zu haben.
Sie hatte wohl zu lange gezögert, die Schleuse vor ihr schloss sich und sie musste erst warten, bis die schweren Schotten wieder aufgefahren waren.
Mit einem mulmigen Gefühl trat sie durch die Schleuse in den Frachtraum des Transporters und sah, was sie erwartet hatte:
Gepanzerte URT-Soldaten, die Gesichter hinter Gasmasken verborgen, hielten die Crew der Unruh mit ihren Waffen in Schach, Jean lag am Boden und krümmte sich, während ein Soldat über ihm stand und mit dem Taser auf Remonde zielte.
Sie kam gerade rechtzeitig, um zu sehen wie Bernard mit wutverzerrtem Gesicht zu Michael herumfuhr, ihn packte und wie einen Schild vor sich hielt, wobei er ihm das Entermesser an die Kehle setzte.
Die Soldaten wurden unruhig, offensichtlich wollten sie Michaels Leben nicht gefährden.
Bernard warf einen Blick über die Schulter, sah sie noch in der Schleuse stehen und ein kleiner Funke von Hoffnung glomm in seinem hektischen Blick auf.
„Vite, zurück! Den Verräter nehmen wir mit et wenn uns einer folgt erledigen wir ihn!“
Er machte ein paar Schritte rückwärts, Michael noch immer vor sich haltend, bis er plötzlich den Lauf ihrer Pistole im Nacken spürte.
Der einzigen Schusswaffe an Bord der Unruh, seit sein Quartierbesen bei einem Streit über angemessene Bezahlung in einem Quartier geblieben war.
„Bleib stehen, und lass Michael los. Es ist nicht seine Schuld.“
Bernard erstarrte, sein Griff erschlaffte weit genug, dass Michael sich herauswinden und in Richtung der URT-Soldaten flüchten konnte.
„Warum? Mais …“
Sie blinzelte, irgendetwas musste in ihr Auge geflogen sein.
„Traue niemandem weiter, als du ihn werfen kannst…“

Verzweiflung

Verzweiflung
Eine LodlanD-Kurzgeschichte von Moni Scharf

„Das war das letzte Mal, dass ich mit dir auf Heimaturlaub gehe!“, schnaubte die zierliche blonde Scientianerin. „Ihr UNLer seid ja alle wahnsinnig. Diese tristen Klamotten sind schon furchtbar genug. Aber hier schafft es echt keiner, eine anständige Unterhaltung zu führen! Absolut unspacig!“ Ihr hochgewachsener, blass aussehender Begleiter zog irritiert eine Augenbraue nach oben. „Unterhalten? Aber das tun wir doch. Alles was es wert ist, beredet zu werden, wird besprochen. Ich weiß gar nicht was du hast, Elizabeth ...“
Elizabeth verdrehte nur die Augen. Ragnar war einfach nicht zu helfen. Er merkte gar nicht, wie deprimierend das Leben in Forhaningheim auf einen Außenstehenden wirken musste. Überall diese Leute, die sogar dann kränkelnd wirkten, wenn es ihnen gut ging. Kein lautes Lachen und keine spacigen Parties. Wie gut, dass sie in Wollongong aufgewachsen war! Sie beschleunigte ihren Schritt. Nichts wie zurück zum Schiff und raus aus diesem Land, bevor sie sich noch ansteckte. Sie hätte es allerdings nie gewagt, das laut auszusprechen. Um einen ausführlichen Vortrag über die ausgezeichnete medizinische Vorsorge in der UNL wäre sie dann nämlich nicht herum gekommen. Als hier ausgebildeter Arzt hätte Ragnar Stunden mit diesem Thema füllen können.

Elizabeths Requin lag an Schleuse 9. Sie hätte zwar ein größeres Schiff vorgezogen, aber im Moment erlaubten es ihre Mittel nicht, etwas anderes als diese Heringsbüchse zu fahren. Doch die Zeiten würden sich ändern, daran arbeitete sie bereits. Ragnar folgte Elizabeth, in Gedanken vertieft. Er war froh, seine Familie wieder gesehen zu haben. Seit sein Vater an Krebs erkrankt war, wusste er nie, ob er sie beim nächsten Besuch noch vollzählig vorfinden würde. Aber es war trotzdem gut, dass er seine Heimat verlassen hatte. In der Euthanasie-Abteilung, in die man ihn nach seinem Studium stecken wollte, hätte er es keine 48 Stunden ausgehalten. Da arbeitete er lieber weit weg von den fragwürdigen Methoden der GenKom auf einem Schiff. Und Elizabeth war immerhin eine fähige Pilotin, auch wenn sie leider hin und wieder zum Übermut neigte. Er runzelte die Stirn, als er sich an einige ihrer letzten Manöver erinnerte. Währenddessen öffnete Elizabeth die Schleuse des Requins und trat ein. Ragnar folgte ihr dicht auf den Fersen.

Elizabeth erstarrte urplötzlich, als ein Schatten neben ihr auftauchte und sie etwas Kühles an der Kehle spürte.
„Ihr tut was ich sage, oder du bist tot!“
Erst jetzt realisierte Elizabeth, dass ihr tatsächlich gerade jemand ein Messer an den Hals hielt. Das war doch ... Sie zog scharf die Luft ein, als sich der Druck verstärkte. „Du da, mach die Schleuse wieder zu. Und … und keine Tricks, oder ich stech sie ab!“ Auch Ragnar war erstarrt. Seine Gedanken rasten. Mit Mühe zwang er sich zur Ruhe und tat, was der Unbekannte von ihm verlangte.
„Jetzt kommt beide nach vorne auf die Sitze. Los, los los. Halt, nicht so schnell. Einer nach dem Anderen! Langsam!“

Elizabeth und Ragnar blieb nichts anderes übrig, als den Befehlen Folge zu leisten. Aus den Augenwinkeln erhaschte Ragnar einen Blick auf eine weitere Gestalt, die sich in eine Ecke drängte. Doch irgendetwas stimmte nicht mir ihr, sie wirkte ... unförmig. Nachdem der erste Schock verflogen war, kochte Elizabeth vor Wut. Sie wurde bedroht. Und das in IHREM Schiff! Dieser Kerl würde bereuen, jemals einen Fuß in ihren Requin gesetzt zu haben! Mit langsamen Bewegungen ließ sie sich vorsichtig in den Sitz sinken. Der Typ entfernte das Messer keinen einzigen Millimeter von ihrer Kehle. Er beobachtete misstrauisch, wie Ragnar neben ihr Platz nahm und postierte sich dann hinter Elizabeths Sitz. „Und jetzt?“, fragte Elizabeth mit gepresster Stimme.
„Jetzt leg ab! Schnell.“
„Und was soll ich den Hafenkontrollen erzählen, in welche Richtung ich will?“
„Hafenkontrollen? Du wirst mit keinem Kontakt aufnehmen. Verstanden? Und jetzt fahr endlich los!“
Elizabeth war sprachlos. Meinte dieser Mensch im Ernst, dass man einfach so ablegen konnte? Das durfte doch nicht wahr sein. Sie hatten es tatsächlich mit einem absoluten Anfänger zu tun. Der hatte nicht die geringste Ahnung wie es in der Welt zuging. „Wenn ich einfach losstarte, ohne eine Abdockerlaubnis zu erbitten, dann versenkt uns die Kuppelwache spätestens nach den ersten 500 Metern. Das ist nämlich KEIN unauffälliges Verhalten! Wollen Sie das wirklich?“ Elizabeth sprach langsam und deutlich, wie mit einem Kind. Ihr Entführer wurde spürbar unsicher. Seine Blicke schweiften von Elizabeth zu Ragnar und wieder zurück.
„Ist das … wenn das nicht wahr ist und ihr mich anlügt, dann endet das böse für euch, klar?“
„Ja ist klar“, meinte Elizabeth. „Wohin wollen wir also jetzt?“
„Nach Arbiträa. Und wehe, du erzählst ihnen noch was anderes.“

Während Elizabeth sich mit der Hafenkontrolle unterhielt, versuchte Ragnar, den Entführer genauer in Augenschein zu nehmen. Eindeutig ein UNLer, auch wenn er Lodt gesprochen hatte. Er sah eigentlich recht normal aus. Mager, unscheinbar und ... sehr nervös. Die Hand mit dem Messer zitterte leicht. Seine Stimme klang flach, er bemühte sich, sie unter Kontrolle zu halten. Doch was war das für eine weitere Person in der Ecke? Der Entführer war damit beschäftigt, Elizabeths Abdockbemühungen im Auge zu behalten und Ragnar nutzte die Gelegenheit, um sich leicht umzudrehen. Große, von Angst erfüllte Augen starrten ihn an. Das war eine Frau! Eine schwangere Frau. Dem Umfang nach sogar hochschwanger. Ragnar erhob sich unwillkürlich halb aus dem Sitz. Erschrocken fuhr der Mann zusammen und Elizabeth keuchte auf, als sich die Spitze des Messers in ihren Hals bohrte und ein roter Tropfen sichtbar wurde. Entschuldigend hob Ragnar die Hände. „Es tut mir leid. Ich hatte nicht vor ...“ Dann ging der Arzt mit ihm durch. „Sind Sie eigentlich wahnsinnig? Sie ziehen eine schwangere Frau in eine Schiffsentführung mit hinein! Das ist Mord!“, funkelte Ragnar empört.
Der Mann antwortete mit mühsam zurückgehaltener Wut in der Stimme: „Du hast ja keine Ahnung! Du weißt gar nicht über uns. Gar nichts!“
„Achja? Na dann erzählen Sie mir doch was das hier soll. Wollen Sie, dass diese Frau eine Fehlgeburt bekommt?“
„Du glaubst, ich mache das alles zum Spaß? Ich würde meine Frau in Gefahr bringen, einfach so? Du redest von Mord? Halt doch einfach die Klappe! Erst war alles so ... Der Mann brach ab und schüttelte traurig den Kopf. „Zwillinge, sagte der Arzt. Zwei kleine Jungen. Und dann? Weißt du was dann passiert ist?“ Er fuchtelte mit dem Messer herum. „Psionisch begabt haben sie gesagt. Aber nur der eine. Und der andere? Der kümmerte sie einen Scheißdreck.“ Er schluchzte auf. „Umbringen wollten sie ihn! Einfach ... umbringen! Er wäre schlecht für den Bruder. Mehr Chancen für den Psioniker. Das ist doch ... Mein Kind ist das! Sie haben über unser Kind geredet! Wollten es umbringen! Hast du kapiert? Einfach umbringen ...“ Atemlos hielt er inne und wischte sich die Tränen aus dem Gesicht.

Ragnar blieb eine Erwiderung schuldig. Die Geschichte konnte tatsächlich der Wahrheit entsprechen. Er wusste, dass diese Praxis bei Zwillingen durchaus gängig war. Er hatte sie seinerzeit im Studium bereits mit skeptischen Blicken betrachtet.
Von der Frau waren unterdrückte Schluchzer zu hören. Auch Elizabeth schwieg. Der Entführer beobachtete nervös seine Frau, doch er traute sich anscheinend nicht, seine bedrohliche Haltung für einen Moment aufzugeben und sich um sie zu kümmern. Ragnar seufzte.
„Hören Sie. Ich glaube Ihnen ihre Geschichte. Lassen Sie uns die ganze Angelegenheit in Ruhe regeln. Sie stecken das Messer weg und wir bringen Sie wohin Sie wollen. Das ist gar kein Problem für uns. Hätten Sie uns von vornherein ihre verzweifelte Lage geschildert, hätten wir das gleich getan. Wenn ihre Frau es wünscht, kann ich auch ihren Zustand überprüfen. Ich bin ausgebildeter Arzt, ich...“ Weiter kam Ragnar nicht. Der Mann brach in ein wildes Lachen aus.
„Arzt? So jemandem soll ich trauen? Hältst du mich für komplett bescheuert? Du verrätst uns doch bei der ersten Gelegenheit an die GenKom. So leicht lass ich mich nicht verarschen!“

Elizabeth zuckte innerlich zusammen. Das hatte Ragnar ja wieder toll hin bekommen. Hatte er ihr nicht erzählt, er hätte auch ein paar Semester Psychologie studiert? Davon war jedenfalls gerade nichts zu merken. Jetzt beäugte sie der Mann noch angespannter als vorher und seine Hände zitterten verdächtig. Wenn das so weiter ginge, würde er Ihnen bald rein aus Versehen etwas antun!

Die nächsten 20 Minuten vergingen in quälender Langsamkeit. Das Schiff konnte aufgrund der Überlast nicht seine gewohnte Geschwindigkeit halten, was das Unbehagen ihres Entführers noch steigerte. Immerhin konnte Elizabeth ihn überreden, das Messer etwas von ihrem Hals zu entfernen, damit er ihr bei Schwankungen des Requins keine ungewollten Verletzungen zufügte. Doch Ragnars Befürchtungen nahmen mit fortschreitender Entfernung zum Hafen zu. Ein etwas professionellerer Entführer wäre ihm fast lieber gewesen. Diesem hier würden irgendwann die Nerven durchgehen und was dann passierte, war kaum vorauszusehen. Es musste etwas geschehen, bevor einer zu Schaden kam. Angespannt wartete Ragnar auf seine Chance. Sie kam fast schneller als ihm lieb war.

Elizabeth wich einer Felsformation aus und lenkte den Requin nach oben. Sie und Ragnar wurden leicht in die Sitze gedrückt. Ihr Entführer machte einen unwillkürlichen Ausgleichsschritt nach hinten. Die Hand mit dem Messer entfernte sich noch weiter von Elizabeth Hals. Da schlug Ragnar zu. Er riss den Arm des Entführers nach oben. Der Mann schrie überrascht auf. Ragnar drückte sich mit den Füßen vom Boden ab und stürzte sich auf ihn. Beide Männer gingen in einem Wirrwarr aus Armen, Beinen und blitzendem Metall zu Boden. Ragnar blockte die verzweifelten Angriffe ab, bis es ihm gelang den Messerarm zu umklammern. Er brach ihn. Mit einem wimmernden Aufschrei ließ der Entführer die Waffe fallen und krümmte sich auf dem Boden zusammen. Sofort stieß Ragnar das Messer außer Reichweite. Die Schwangere sah schreckensstarr zu ihm hoch.

„Das hat aber lange gedauert, Ragnar!“, beschwerte sich Elizabeth. „Verdammt, Ich dachte schon ich krepiere in meinem eigenen Schiff! Echt unspacig! Aber jetzt werde ich diesem Mistkerl zeigen, was eine Scientianerin von seinem lächerlichen Entführungsversuch hält!“ Sie aktivierte den Autopiloten, zog ein Fach auf, schnappte sich daraus ihren Elektroschocker und machte Anstalten, über den Stuhl nach hinten zu klettern. „Elizabeth! Du wirst doch nicht … Er hat schon genug, glaub mir.“
Elizabeth zögerte. Ein Blick auf den Verletzten bestätigte Ragnars Aussage. Er machte keinerlei Versuche mehr, Widerstand zu leisten. Jede Hoffnung war aus seinen Augen verschwunden. Gebrochen starrte er auf den Boden. Seine Frau war in der Ecke noch weiter zusammengesunken und verbarg ihr Gesicht in den Händen. Unentschlossen blickte Elizabeth von Einem zum Anderen und dann zu Ragnar. Der Mann am Boden schaute nicht auf, als er leise fragte: „Und … und was macht ihr jetzt mit uns?“

Ragnar betrachtete das Paar. Ein Mann und eine Frau, die verzweifelt versucht hatten, ihr Kind zu beschützen. Wie würde er sich verhalten, wenn es seines wäre? Ragnar horchte kurz in sich hinein. Dann sah er Elizabeth an. Sie seufzte kurz, zuckte die Achseln und nickte dann. Sie kannte ihren Arzt. Ragnar ergriff das Wort:
„Zuerst kümmere ich mich um deinen Arm. Und dann bringen wir euch beide nach Arbiträa.“

Einmal zu oft

Einmal zu oft
Eine Lodland-Kurzgeschichte von Peter Holthaus


Nazir drückte sich in den engen Schacht, verzweifelt bemüht, nicht ganz so laut zu keuchen. Er lauschte angestrengt nach seinen Verfolgern während sein Blick angsterfüllt zur letzten Ecke huschte.

„Einmal werden sie dich erwischen!“
„Ach, die sind viel zu langsam! Mich hat doch nie einer erwischt!“
„HA! Musst du dich denn unbedingt an ihm…“
„Vertrau mir! Ich bin vorsichtig, wie immer! Und sobald ich zurück bin können wir endlich abhauen.“


Nazir schüttelte den Kopf um die ungebetenen Erinnerungen zu vertreiben. Tasha könnte diesmal tatsächlich Recht behalten, es sah gar nicht gut aus.
Sicher, das ein oder andere Mal hatte man ihn zwar in die Enge getrieben. Aber selbst wenn jemand ihn nach seinen Diebestouren in die Finger gekriegt hatte, so kam er doch glimpflich davon. Eine Tracht Prügel und eine nachdrückliche Warnung, die nächsten Wochen nicht in diesem oder jenem Teil des Quartiers zu arbeiten und alles war erledigt.
Nazir schrak vollends aus seinen Überlegungen auf, als an der Korridorecke ein Schattenriss auftauchte.
Die Gestalt hob einen Arm und plötzlich schnitt ein greller Lichtstrahl durch das Halbdunkel der alten Korridore und schmerzte in seinen Augen.
Er zuckte zurück und versuchte noch tiefer im Schacht zu verschwinden, aber sein Verfolger hatte ihn anscheinend entdeckt.
„Da ist er! HIER!“
Verflucht! Hätte die gute Barbara denn nicht diesmal wenigstens ihre Hand über ihn halten können?
Er rannte los, fegte wie eine abgefeuerte Harpune den Korridor hinunter und bog ab wann immer eine Abzweigung den richtigen Weg versprach.
Sein Verfolger war dicht hinter ihm, aber langsam gewann Nazir einen Vorsprung. Wenn jetzt nur nicht …
Er hetzte um eine letzte Ecke und prallte aus vollem Lauf in ein Rohr auf Brusthöhe, oder einen ähnlich massiven Arm. Das Resultat war dasselbe, er ging vor Schmerz keuchend zu Boden.
Als er mühsam wieder Luft einsog, beugte sich eine massige Gestalt über ihn: „Ah, Nazir, du musst einfach verstehen, dass hier ist nichts persönliches, aber wenn du versuchst, Klauvitz zu bestehlen…“
Eine nach der anderen schälten sich mehr Gestalten aus dem Dunkel.

Eiskalt erwischt

Eiskalt erwischt
Eine Lodland-Kurzgeschichte von Peter Holthaus


Es war lausig kalt in der Baracke, durch jede Ritze zog der für diese Jahreszeit ungewöhnlich kalte Wind und ließ die Wartenden frösteln.
Es waren nur noch wenige, als die Tür sich ein weiteres Mal öffnete, aber statt der erwarteten Marinesoldaten in ihren schusssicheren Vollpanzerungen stolperten zwei Männer herein, die mit Mühe die Tür gegen den Wind zustemmten und sich verwirrt im Halbdunkel umsahen.
Seit die Plünderer das nahe gelegene Kraftwerk unter ihre Kontrolle gebracht und alle Verbindungen nach draußen gekappt hatten, lief die gesamte Basis über die Notstromaggregate, die die Belastung nur unter Mühe bewältigen konnten.
Einer der Wartenden, ein ziemlich großer, schlaksiger Mann mit einer Thermojacke baute sich vor den Neuankömmlingen auf.
„Hey, Ian McArthur mein Name, wo haben sie euch denn noch aufgefischt?“
Der ältere der Neuankömmlinge rieb sich die kalten Hände und musterte den Sprecher einen Moment lang.
„Harry Quinn. Das da“, mit einer Geste über die Schulter wies er auf seinen Begleiter, „ist mein Assistent Sebastian Joseph. Wir wurden aus der Uni geholt.“
„Woah, das ist doch seit fast ´ner Woche Kampfzone! Ihr müsst ganz schön wichtig sein, wenn die einen Trupp da rein schicken.“ Ian runzelte kurz die Stirn bevor er fort fuhr. „Eigentlich haben sie alle Operationen außerhalb der Basis seit vier Tagen eingestellt. Gab wohl ein paar üble Verluste, als ein paar Plünderer einer Patrouille einen Hinterhalt gestellt haben.“ Er verzog kurz das Gesicht als hätte er selbst mit dem Vorfall zu tun gehabt, bevor er Harry und Sebastian fragend musterte. Harry war dieser Blick offensichtlich unangenehm und er begann, nervös an seinen Ärmeln zu zupfen während sein Blick auf den Boden sank. Anscheinend verlegen antwortete er leise:
„Keine Ahnung, wofür ich hier bin. Ich hatte gar nicht damit gerechnet, überhaupt einen Platz zu kriegen. Da unten ist schließlich nicht sonderlich viel Platz und wozu sollte man noch einen Mediziner mitnehmen?“
In diesem Moment wurden die Wartenden, die sich alle - hungrig nach Informationen aus der zunehmend chaotischeren Außenwelt - um sie gedrängt hatten, von der sich öffnenden Tür unterbrochen.
Der eisige Wind trieb Eiskristalle in den Raum, die sich auflösten, sobald sie in die Nähe der wenigen Heizstrahler gelangten. Im Türrahmen stand die massige, ausgebeulte Silhouette eines Marines. Der Soldat trat in den Raum, drängte die Wartenden durch seine Anwesenheit zurück und ließ einen Offizier eintreten, der sich abgesehen von leichten Handschuhen nicht an den winterlichen Temperaturen zu stören schien.
Der Offizier blickte kurz in den Raum und ging dann zielstrebig auf Harry zu.
„Professor Quinn, schön dass sie es rechtzeitig geschafft haben. Das letzte Schiff sollte in Kürze ankommen, es wäre ein schwerer Schlag gewesen, Sie nicht bei uns zu haben.“
Harry blickte ebenso verdutzt wie sein Assistent und Ian auf den Offizier.
„Dürfte ich fragen, wieso Sie mich ausgewählt haben? Ich wüsste nicht, welche meiner Fähigkeiten dort unten helfen sollten.“
„Machen Sie sich darüber keine Gedanken, freuen Sie sich, dass Sie am langen Marsch teilnehmen können. Nicht wenige würden morden, um an ihre Stelle zu kommen.“
Der Marine, der die ganze Zeit reglos neben der Tür gestanden hatte, hob plötzlich die Hand an seinen Helm, lauschte einen Moment und trat mit ein paar schnellen Schritten an die Seite des Offiziers.
„Sir, die Aufklärung meldet eine große Gruppe von Marodeuren, die sich der Basis nähern.“
Einen Moment lang meinte Harry, Besorgnis auf dem Gesicht des Offiziers zu entdecken, aber ebenso schnell trat die kalte Miene geschäftsmäßiger Effizienz wieder in den Vordergrund.
„Sichern sie den Abschnitt, unser Aufbruch darf nicht verzögert werden.“
Der Marine nickte und entfernte sich mit einem Salut.
Er öffnete die Tür in den Sturm und zog sie hinter sich mühelos wieder zu, obwohl der frostige Ostwind direkt dagegen stand.
Der Offizier wandte sich den Wartenden zu und hob die Stimme, um über das Heulen des Winds gehört zu werden.
„Wir werden aufbrechen. Nehmen Sie ihre Sachen und folgen Sie mir zum Kai.“
Die Wartenden reihten sich langsam auf, wobei Harry ihrem Murmeln sowohl Aufregung als auch Sorge entnehmen konnte. Nur wenige von ihnen hatten Koffer oder Taschen mit etwas persönlicher Habe dabei. Nicht nur, dass es eine strenge Beschränkung an Gepäck pro Person gab, einige von ihnen waren verfolgt von Plünderern auf dem Stützpunkt angekommen und machten sich sichtlich Sorgen, dass ein neuer Überfall in greifbare Nähe gerückt schien.
Nach ein paar Minuten standen sie bereit, mehr oder weniger geordnet. Der Offizier, der neben der Tür gewartet hatte, zog den Riegel beiseite und sofort nutzte der Wind die Chance, um eine neue Ladung Eis und Schnee in den Raum zu treiben.
Harry war in der zweiten Reihe, seinen Assistenten Sebastian neben und Ian hinter sich als der Offizier die Spitze übernahm und in den Sturm trat.
Die Wartenden folgten ihm, doch kaum hatten sie die Baracke verlassen, traf sie die Kälte und der Wind trieb ihnen Eispartikel in die Gesichter, die schnell rot anliefen.
Einige strauchelten auf dem Weg zu der großen Halle, in der die Kaianlagen für die riesigen Unterseeboote lagen, die seit Wochen dabei waren, ausgewählte Personen auf ihrem langen Marsch in die Tiefe und somit in Sicherheit zu bringen.
Plötzlich bemerkte Harry eine Bewegung, jemand näherte sich von schräg links ihrer Kolonne. Schnell wurde die Gestalt eines Marines erkennbar, der kurz suchend an der Reihe entlang blickte und dann auf den Offizier zu trabte.
Harry konnte das Gespräch nicht hören, der Wind war zu laut und es kostete ihn alle Mühe, auf seinen schnell kalt werdenden Gliedern die Balance, geschweige denn die Richtung, zu halten.
Als er strauchelte griff Sebastian ihm unter den Arm, stützte ihn und zerrte ihn weiter.
„Los, wir müssen uns beeilen! Es ist nicht mehr weit.“ Ian trat an seine andere Seite und gemeinsam stemmten sie sich durch den Wind in Richtung der Halle.
Als sie in deren Windschatten traten, strauchelten sie und sahen erleichtert ein großes Tor vor sich, an beiden Seiten von Marines bewacht, die aufmerksam in den Schnee starrten, der so untypisch für einen Juli an der Ostküste war.
Sie liefen in Richtung des Tors als plötzlich einer der Marines seine Waffe hob und ein scharfes Kommando bellte. Bevor einer der Flüchtlinge reagieren konnte, eröffnete der Marine das Feuer, knapp an ihnen vorbei.
In dem Moment der Stille, der anscheinend immer nach einem Schuss folgt, warf
Sebastian einen Blick über die Schulter und bemerkte eine Gestalt, die hinter die Ecke der Halle geworfen wurde, als die Salve sie erfasste. Es dauerte einen kurzen Augenblick bis er begriff, dass er Zeuge wurde wie ein Mensch kaltblütig getötet worden war. Plötzliche Übelkeit krümmte ihn, aber Ian zog ihn schnell wieder auf die Füße. „Los, los! Wenn du stehen bleibst, bist du genauso tot wie er!“
Schnell tauchten an der Ecke der Halle hinter ihnen mehr Plünderer auf, die ersten wurden von den Marines mit gnadenloser Effizienz zurückgeschlagen, aber als jemand das Feuer von der anderen Seite des Tores eröffnete, musste ein Teil der Marines sich abwenden um auf die neue Gefahr zu reagieren.
Sebastian und Ian schleppten den Professor mehr, als dass er sich selbst fortbewegen konnte, die Marines feuerten über ihre Köpfe und nur wenige Meter trennten sie von dem Rettung versprechenden Tor.
Immer wieder zuckte Sebastian zusammen wenn ein Marine hinter ihm einen der Plünderer ausmachte und das Feuer eröffnete um die Angreifer lange genug aufzuhalten damit die Flüchtenden die Sicherheit der Kaianlage erreichen konnten. Ian war irgendwo im Schneesturm zurückgefallen und mehr als einmal sah Sebastian, wie neben ihm einer der anderen Flüchtenden getroffen wurde und als verrenkte Gestalt zu Boden fiel.
Er erreichte endlich das Tor, zerrte den Professor mit sich und sah erleichtert einen Trupp Marines, der in seine Richtung strebte, um ihre Kameraden zu unterstützen. Hinter den Soldaten lag eine verwirrende und nur schwer zu überblickende Anlage. Ein Gewirr von großen Kränen die Container verschoben, riesigen Pumpen, die durch Schläuche von der Dicke seines Oberkörpers unbekannte Flüssigkeiten bewegten und anderen schweren Maschinen. Die Anlage erzeugte einen solchen Lärm, dass sie das Feuergefecht hinter Joseph übertönte.
Inmitten dieses künstlichen Waldes lag ein gewaltiges Schiff, sichtlich Zentrum der Aktivitäten und weit über 100 Meter lang.
Der aufgedunsene Rumpf lag nahe an der Kaimauer, der Kommandoturm auf der Oberseite verschwand im Gewirr der Maschinerie.
An einer Stelle im Rumpf führte eine Rampe ins Innere des Kolosses, einige Flüchtlinge scharten sich darum und eine Handvoll Matrosen versuchte sie zu ordnen.
Sebastian schleppte den stöhnenden Professor mit sich in Richtung der Rampe, wo er zu seiner Erleichterung den Offizier erblickte, der sie vor einer gefühlten Ewigkeit empfangen hatte.
Joseph trat neben den Offizier, der mit einigen Matrosen versuchte, Ordnung in das Chaos zu bringen.
„Sir, wir…“
Der Offizier fuhr schnell zu ihm herum, schon einen harten Befehl auf den Lippen, aber als sein Blick auf Sebastian fiel, der noch immer den schlaffen Professor stützte, traten Entsetzen und Zorn auf sein Gesicht.
Joseph schrak zurück, er hatte mit einigem gerechnet, aber nicht mit dieser Miene.
„Verdammt! Los, schaffen Sie den Professor in die Krankenstation!“
„Was? Aber…“ Sebastian nahm sich zum ersten Mal seit einer kleinen Ewigkeit die Zeit für einen Blick auf seinen langjährigen Mentor und entdeckte zwei Flecken auf seiner Kleidung, die sich langsam über den Brustkorb ausbreiteten und im Licht der starken Bogenlampen einen seltsamen Grauton hatten.
Die nächsten Minuten bekam er nur bruchstückhaft mit, die Rampe hinauf durch enge Korridore und Luken in einen Raum mit niedriger Decke, in dem mehrere Leute auf Bahren lagen, während weiß gekleidete Personen hektisch zwischen ihnen herumhuschten.
Er erinnerte sich später vage an ein paar harsche Fragen eines Doktors und einen Pfleger, der ihn unsanft aus dem Raum stieß als er im Weg stand und an einen Matrosen übergab, der ihn in einem großen, aber weniger hektischen Raum auf eine schmale Pritsche schob.
Plötzlich merkte er, dass jemand ihn angesprochen hatte und fasste zum ersten Mal seit mehreren Stunden einen klaren Gedanken. „Was ist?“
„Ich wollte wissen, wie´s dir geht.“
Sebastian blickte auf und sah Ians schlaksige Silhouette vor einer der Leuchten.
„Keine Ahnung… Was ist mit Harry? Er ist auf der Krankenstation…“ fragend blickte Sebastian auf, aber ein kurzer Blick in Ians Gesicht langte trotz des Gegenlichts aus, seine Hoffnungen zu zerschlagen.
Ian setzte sich neben ihm auf die Pritsche, während Sebastian erst jetzt die Menschen rings herum und ihr Gemurmel auffielen. Der ganze Raum war mit dreistöckigen Pritschen gefüllt, grade breit genug, dass ein einzelner Mensch auf ihnen liegen konnte was Sebastian das Gefühl gab, in einem stählernen Bienenkorb zu sitzen. Doch obwohl sie hier alles andere als bequem reisen würden, stand allen Erleichterung und Angst gleichermaßen ins Gesicht geschrieben.
„Tut mir Leid, aber die Ärzte hatten keine Chance mit dieser Ausrüstung…“
„Verdammt! Das kann doch nicht sein! Wir haben alles geschafft und jetzt krepiert er wegen schlechter Ausrüstung?!“
„Woah, ruhig Mann! Wir haben Glück überhaupt raus gekommen zu sein! Die Plünderer haben fast das Schiff erwischt bevor wir abhauen konnten. Als sie gemerkt haben, dass wir verschwinden, haben sie schwere Waffen aufgefahren und noch ein paar hässliche Löcher in die Hülle gestanzt bevor wir außer Reichweite waren.“
Sebastian stutzte in seiner wütenden Antwort, die Informationen dieses Mannes waren für einen einfachen Flüchtling viel zu detailliert. „Wer… bist du? Woher weißt du…“
„Sei ruhig und komm mit!“
Ian stand auf und Sebastian folgte ihm nachdenklich aus dem Massenquartier einen engen Gang hinunter und über ebenso schmale Treppen aufwärts.
Als sie an eine bewachte Tür kamen, trat der Marine zu Sebastians Erstaunen zur Seite und sie konnten ungehindert passieren.
Wenig später traten sie in einen von geschäftiger Betriebsamkeit erfüllten Raum, in dem Sebastian einen Moment lang nur staunend um sich blicken konnte.
„Schadensmeldungen von Deck 4, 7 und 8, der Wassereinbruch wurde gestoppt, wir haben vier Sektoren verloren.“
„Wie sieht der Rumpf aus? Ich will wissen, ob wir jetzt noch tauchen können.“
„Sammelraum 5 voll belegt, weitere Passagiere werden auf Raum 7 bis 9 verteilt.“
Ian wandte sich zu Joseph um und lächelte leicht.
„Ich sollte wohl meine Vorstellung beenden, vorhin wurden wir unterbrochen. Ian McArthur, persönlicher Stab unseres Great Father.“
Sebastian fiel die Kinnlade herunter.
„Dann wussten Sie die ganze Zeit…“
„…wer Sie und der leider verstorbene Professor Quinn sind, ja. Ich wurde an die Oberfläche zurückgesandt, um für Ihre sichere Ankunft zu sorgen, anscheinend hat der Great Father die Karriere des Professors verfolgt und wollte einen so fähigen Mann an seiner Seite wissen.
Da der Professor es nicht geschafft hat, werden Sie wohl diese Aufgabe übernehmen müssen. Willkommen an Bord, Mr. Joseph!“
Sebastian taumelte bei der Vorstellung, wilde Gedanken hetzten durch seinen Kopf.
„Aber ich kann doch unmöglich Leibarzt des Great Father werden!“

Kurzgeschichte: Zarte Bitternis (1)

Eine Kurzgeschichte vom LodlanD-Fan Carsten Pohl

Hinweis: Diese Kurzgeschichte schildert die Ereignisse der Wzrost-Zerstörung aus der Sicht eines stawischen Admiral. Sie ist damit das Spiegelbild der offiziellen Kurzgeschichte "Erfahrungen in Zartbitter" (LodlanD In-Game -> Kurzgeschichten -> Erfahrungen in Zartbitter).

Teil 1

Admiral Dimitri Gordonsky saß in seinem bequemen Kommandosessel auf der Brücke der DS Skvely und schob sich genüsslich kleine Stückchen Schokolade in den Mund. Währenddessen verfolgte er gebannt die Szenerie, die sich vor ihm auf dem Display abzeichnete. Ein Becher mit aromatisch duftendem Bohnenkaffee stand in einer eigens dafür angebrachten Vertiefung in der Lehne. Aus Kuhmilch hergestellte Schokolade war ebenso wie fein gemahlenes Kaffeepulver ein äußerst kostspieliges Gut, selbst für jemanden, der so wohlhabend wie Gordonsky war. Deshalb gönnte er sich diese Köstlichkeiten nur zu ganz besonderen Gelegenheiten. Dieser Moment war ein solcher Anlass. Seine Kriegsflotte aus Stawa-Schiffen, die sich um die gewaltige DS Wzrost, einePottwalklasse, scharte, traf auf einen zusammengewürfelten Bootshaufen aufbegehrender Quartiersbewohner. Diese hatten es gewagt, sich von Stawas Regierung loszusagen und sich zur unabhängigen ?Monarchia Wolnosc? zu erheben. Ein Affront, dem Stawa nicht tatenlos zusehen konnte. Eine Fülle von Jäger- und Enterschiffen des idealistischen Arbiträa war den Aufständischen zu Hilfe geeilt, was einen durchaus interessanten Kampfverlauf versprach. Jeder tote Aufständische war ein guter Aufständischer. Besonders jetzt, da ihn jeder Blutstopfen der Bewohner der ?Monarchia Wolnosc? seinem Aufstieg näher brachte. Er würde seinen Ruhm als direkter Berater der Regierung genießen. Lächelnd schob er sich ein Stück Schokolade in den Mund.

Während die Flotte direkt auf den Feind zusteuerte, wies Gordonsky Komandor Karmanov an, die gegenwärtige Position zu halten. Der Admiral hatte nicht vor, aktiv in den Kampf einzugreifen. Von hier aus hatte er in seinem Kommandostand einen exzellenten Überblick über das Gefechtspanorama, sodass er die eigenen Einheiten gut koordinieren und vor allem das Geschehen auch genauestens beobachten konnte. ?Fahrt heraus nehmen und auf Position gehen.? Gordonskys Befehl wurde in rascher Folge vom Komandor über den für die Navigationscrew verantwortlichen Poruznyk und dem Bozman zum Steuermat weitergegeben.

Karmanov hatte bei der Weitergabe der Order ein klein wenig gezögert; er war es einfach nicht mehr gewohnt an Bord seines Schiffes direkte Befehle von jemand anderem zu empfangen. Die Übermittlung des nächsten Kommandos ?Signal an die Flotte ? Gefechtsformation einnehmen und Warnschüsse abgeben? ging ihm schon schneller über die Lippen. Zunächst war der Komandor der DS Skvely ein wenig darüber verwundert gewesen, dass der Admiral dieses Mal die etwas kleinere Voronitsa-Klasse der gewaltigen DS Wzrost, dem eigentlichen Flaggschiff, vorzog. Er hatte aber schnell verstanden, dass Gordonsky ein wendigeres Kommandoschiff haben wollte und war natürlich auch erfreut über die Ehre gewesen, einen so hochrangigen Offizier beherbergen zu dürfen. Dennoch gab er nur ungern das Kommando über sein Schiff ab. Gewissenhaft verfolgte er die Ausführung der Befehle. Gordonsky galt als berechnend und machthungrig. Doch schätzte er gute Dienste. Das würde auch ihm, Karmanov zugute kommen.

Der Admiral lehnte sich in seinem Sessel zurück und ließ die süße Schokolade langsam auf seiner Zunge zergehen. Mit freudiger Erregung fieberte er dem Gefecht entgegen, auch wenn dieses ganz anders als üblich verlaufen und verglichen mit dem Kommenden nicht mehr als ein Geplänkel sein würde.

Was vom Präsidenten Stawas und seinem Stab nur als eine imposante Drohgebärde gedacht war, entwickelte sich unversehens zu einem harten Gefecht. Das ansonsten dunkle Panorama hinter dem Sichtfenster des DS Skvely wurde in rascher Folge von Explosionen erhellt. Wann immer die Sonaranzeige eines gegnerischen Schiffe in einer kleinen Supernova verging, wurde dies von freudigen Ausrufen der Offiziere begleitet. Treffer des Feindes hingegen wurden mit geballten Fäusten, Verwünschungen und Hasstiraden bedacht. Fast gleichzeitig nahm Komandor Karmanov die Übermittlungen von Funksprüchen entgegen und glich Ortungen des Sonar-Poruznyks mit dem Display ab. Harsch erteilte er Befehle. Doch für die DS Skvely hatte er nur einen Befehl: ?Position halten.? Aus den Augenwinkeln beobachtete er dabei den Admiral, der vom hektischen Treiben an Bord um ihn herum recht unbeeindruckt schien und sich ganz auf das konzentrierte, was draußen geschah.

Für Gordonsky war die Seeschlacht wie ein kunstvolles Gemälde, das eine Zusammenstellung der unterschiedlichsten Luftpflanzen zeigte. Luftblumenbeete waren wohl gerade wegen ihrer Seltenheit ein beliebtes Motiv der zeitgenössischen Maler des RDLs. Karmesinrote Erdbeeren, die in Feuersternen vergingen, wilde, weißlich-purpurne Orchideen und gelbe Tulpen rangen auf der imaginären Staffelei um die Vorherrschaft. Die unermüdlich feuernden Kanonen und umherschwirrenden Torpedos waren wie Pinsel, die wässrige Farbtöne auf die Leinwand trugen und diese in ein prächtiges Kaleidoskop bunter Blüten verwandelten. Dimitri Gordonsky sah sich selbst als den Schöpfer dieses Kunstwerkes, der die Farben und Pinselstriche ganz nach seinen Vorstellungen arrangierte und zu einer gelungenen Komposition vereinte. Er blickte zur DS Wzrost, die den zentralen Fluchtpunkt des Gemäldes bildete. Der Rumpf des Flaggschiffes war von angedockten Requins übersät, die sich Schädlingen gleich, in die graue Rinde eines Dorbny-Bonsai-Baumes fraßen.
Der Admiral schmunzelte ob dieses lächerlichen und von vornherein zum Scheitern verurteilten Versuchs der Angreifer, das Flaggschiff mit paarweise zusammengestellten Entertrupps zu erstürmen. Denn im Inneren des Kolosses wartete eine ganze Mannschaft stark gepanzerter, ausgeruhter und bis an die Zähne bewaffneter Atakowaj darauf, die Eindringlinge gebührend zu empfangen. Gordonsky nippte an seinem Kaffee und gab einige knappe Befehle zur Übermittlung an die Flotte. Der Feind hatte den überdimensionalen Köder geschluckt. Derweil feuerten die Bordgeschütze der DS Wzrost auf die sie umschwärmenden Requins. Aber auch der massive feindliche Beschuss hatte deutliche Spuren hinterlassen. Die meisten Bordgeschütze waren bereits ausgefallen. Die Außenhaut des Riesen war gesprenkelt von Einschusslöchern und Geschossresten. Aus zahlreichen Lecks quollen Luftblasen hervor wie aus einem harpunierten Wal. Die vereinte Streitmacht von Arbiträa- und Wolnosca-Schiffen schlug sich weitaus besser als er angenommen hatte. Gleichwohl würde selbst ihre vereinte Feuerkraft nicht ausreichen, um die DS Wzrost ernsthaft zu gefährden. Das riesige Boot glitt, unbekümmert von den immerwährenden Attacken, weiter in Richtung der feindlichen Flotte.

Wieder blickte Karmanov zum Admiral. Der Komandor kannte viele Strategien und Kriegslisten. Aber zuzusehen, wie seine Kameraden dort draußen langsam starben ... nein, diese List war ihm neu. ?Position halten?, wiederholte er. ?Komandor!? ungläubig starrte ihn der für den Bordfunk zuständige Poruznyk an. Scharf befahl er noch einmal: ?Position halten!"

Kurzgeschichte: Zarte Bitternis (2)

Teil 2

Amüsiert beobachtete der Admiral über das Sonar, wie die feindlichen Requins von einem schwer angeschlagenen, kampfunfähigen Schiff der Wera-Klasse abdrehten, ohne ihm gänzlich den Garaus zu machen. Diesen kleinen arbiträischen Wittlingen fehlt eindeutig der Mumm, dachte er. Solange sie ihren längst überholten Ehrenkodex nicht über Bord werfen und eine Seeschlacht mit einem SPOHA-Spiel verwechseln, werden sie nie obsiegen können.
Die militärischen Weras bildeten, ganz so wie er es befohlen hatte, einen beidseitigen Keil um ihre Gegner. Je näher sie den feindlichen Schiffen waren, desto mehr drosselten sie ihre Geschwindigkeit. So öffneten sie eine überdimensionierte Zange, in die, als die äußersten Weras nach innen beschleunigten, die Angreifer mehr und mehr eingeschlossen wurden. Mit ganz ähnlichen Stellungen hatte er bereits etliche Vonja-Partien gewonnen. Während sich die arbiträischen Requins vornehmlich auf das Flaggschiff konzentrierten, versuchten die Wolnosca-Schiffe in einer Nebenschlacht verzweifelt, ihnen den Rücken frei zu halten. Wie ein Schwarm Haie stürzten sich die Weras auf ihre Beute.

Verdammt! Karmanov beobachtete den Angriff der Weras auf dem Sonar. Die Wolnosca-Flotte hat es tatsächlich geschafft, die Begleitschiffe von der DS Wzrost wegzulocken. Warum läßt der Admiral diese unvorteilhafte Nebenschlacht überhaupt zu? Der Komandor schüttelte verdutzt den Kopf.

Gordonsky beachtete ihn nicht. Sein Blick schweifte umher. Ein wenig abseits des Gefechtgeschehens, nur wenige hundert Meter entfernt, entdeckte er auf dem Sonar einen arbiträischen Requin, der abwartend wie die DS Skvely auch, langsam dahin glitt. Doch einer der äußersten Weras war auf den stillen Beobachter aufmerksam geworden und hatte ihn mit einem Torpedo bedacht. Blitzschnell beschleunigte der Pilot den Requin in einem eleganten Manöver zunächst abwärts und dann plötzlich aufwärts. Der Torpedo explodierte. Aber die durch Drahtzündung ausgelöste Druckwelle konnte dem Requin nichts mehr anhaben. Dann verlor Gordonsky den Requin im Gewirr der vielen Schiffsanzeigen wieder aus den Augen. Anerkennend pfiff er durch die Zähne und gönnte sich das letzte Stück Schokolade.

Auf einmal schrillte die Alarmsirene. Doch weder Schiff noch Torpedo näherten sich der DS Skvely. Mit Hilfe der visuellen Ortung konnte schnell die Ursache für den Alarm gefunden werden: Mehrere Trümmerteile, an denen zum Teil sogar noch Stofffetzen hingen waren von der Schlacht herüber gedriftet. Indessen wurde es im Tumult der Anzeigen immer schwieriger, die Schlacht zu überblicken. Der Admiral sah sich weiter um. Schließlich fand er, wonach er Ausschau gehalten hatte. Ein Schiff der Vakten MK-1-Klasse näherte sich mit Höchstgeschwindigkeit von der abgewandten Seite eines etwa fünf Kilometer entfernten Berges. Dabei blieb das in der UNL gemeinhin als Jäger- und Begleitschiff eingesetzte Boot im Schlachtengetümmel von beiden Seiten unbeachtet. Selbst der aufmerksame Komandor der DS Skevly schien den vermeintlich bedeutungslosen und unerwarteten Neuankömmling nicht zu bemerken. Anscheinend waren Komandor und Mannschaft von den weiteren, hektischen Ereignissen der Schlacht zu sehr in Beschlag genommen. Die Vakten steuerte direkt auf die DS Wzrost zu und wich dabei gewandt einigen irrlaufenden Torpedos aus. Ruhig durchquerte sie das Kampfgetümmel und verkleinerte beständig den Abstand. Schließlich dockte sie an der Oberseite des Giganten an.

Mit Wehmut betrachtete Gordonsky das prächtige Flaggschiff. Die in der Länge über 300 Meter messende Pottwalklasse war der ganze Stolz der Stawa-Flotte. Kein Schiff des gesamten RDL konnte es an Größe mit dem Koloss aufnehmen. Darüber hinaus durfte man sich aber auch nicht auf diesen rüstungsbaulichen Erfolgen ausruhen. Um Bestand zu haben, musste Stawas militärischer Vorsprung unbedingt ausgebaut werden. Wütend ballte der Admiral seine Rechte zur Faust als er daran zurückdachte, wie Präsident Kravitsch und dessen Berater auf seinen Antrag reagiert hatten. Als zu teuer und überflüssig hatten sie seine umfassenden Aufrüstungspläne, die unter anderem den Bau einer weiteren Flotte von Pottwal-Schiffen vorsahen, lapidar abgetan. Von Bürokraten konnte man einfach nicht erwarten, dass sie Verständnis für die militärische Realität hatten. Gordonsky schlug heftig mit seiner Faust auf die Sessellehne. Die harte Wirklichkeit des Krieges tobte nur gerade mal knapp zwei Kilometer von der DS Skevly entfernt.. Mit einem Zug trank er den Kaffee aus und lachte dabei leise in sich hinein. Diese ahnungslosen Landratten, dachte er.
?Bericht Karmanov!?
?Alle Geschütze der DS Wzrost ausgefallen. Wassereinbruch am Bug.?
Noch ist das Schiff zu retten, dachte Karmanov, wenn Gordonsky es nur endlich befehlen würde.

Ganz in der Nähe der Stelle, wo die Vakten angedockt hatte, war ein Requin augenscheinlich gerade im Begriff, ebenfalls die DS Wzrost zu entern. Plötzlich aber änderte der findige Pilot, der wohl intuitiv ahnte, was bevor stand, abrupt seinen Kurs und entfernte sich mit Höchstgeschwindigkeit von dem Riesen. Kurz darauf zerplatzte der Rumpf der Wzrost in einer gewaltigen Explosion. Die Detonation war so stark, dass selbst die Brücke der entfernt gelegenen Skvely von der Druckwelle erfasst und heftig erschüttert wurde. Dort, wo gerade noch die Vakten gehaftet hatte, klaffte nun ein riesiges Loch, durch das Wassermassen ins Schiffsinnere fluteten. Das Heck des Flaggschiffs hatte sich in ein zersplittertes Stahlgeäst verwandelt. Bestürztes Schweigen erfüllte augenblicklich die Brücke der Skevly. Von weiteren Eruptionen im Inneren erschüttert, sank der Stolz der Flotte. Wie erwartet, verharrten auch fast alle anderen an der Schlacht beteiligten Schiffe und stellten ihre Kampfhandlungen unvermittelt ein. Die diesbezügliche Order des Admirals und seine Anweisung, die Überlebenden und Verwundeten zu bergen, durchlief stockend die Befehlskette. Mit starrem Blick auf das Unfassbare, ernster Miene und steifer Körperhaltung erhob sich Gordonsky aus seinem Sessel. Lediglich seine Hände, die er hinter seinem Rücken locker ineinander gelegt hatte, verrieten Entspannung und Erleichterung zugleich.

Nach der Unabhängigkeitserklärung der ?Monarchia Wolnosc? war alles so gekommen, wie es Gordonsky erhofft hatte. Aufgrund seiner militärischen Erfolge zur See, als vor ziemlich genau 20 Jahren die Quartiere schon einmal aufbegehrten, wurde er mit der Niederschlagung des Aufstandes betraut. Dies hatte ihm weitgehende Befugnisse eingeräumt und ihm ermöglicht, Stawa einen wichtigen Dienst zu erweisen. Wie erwartet hatten die Komandors der Wolnosca-Schiffe, die in den Gepflogenheiten einer Schlacht zumeist unkundig waren, die Warnschüsse als Angriffe miss gedeutet. Sie waren darauf unvermittelt zum Angriff übergegangen und die Schlacht hatte den von ihm geplanten Verlauf genommen. Tide Buug ? beim militärischen Geheimdienst längst als Widerständlerin und Aufrührerin bekannt - war in seinen Augen nur eine ahnungslose Marionette gewesen. Nur zu bereitwillig war sie auf seinen Plan zur Vernichtung der DS Wzrost eingegangen, als er ihr die dazu benötigten Informationen und den Grundrissplan der DS Wzrost zugespielt hatte. Viel mehr hatte er nicht tun müssen. Wo sie allerdings die dafür benötigte Ausrüstung her hatte, blieb ihm auch weiterhin ein Rätsel.
Nach den schmerzlichen Erfahrungen dieser Schlacht und dem verheerenden Ausgang würden seine vorschnell abgelehnten Aufrüstungspläne sicher noch einmal überdacht werden. Er schürzte seine Lippen und schmeckte noch einen Rest süßer Schokolade. Welch zarten Beigeschmack eine solch bittere Niederlage doch haben konnte.
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